Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Bunt: „Enduros“ von Imi Knoebel in der Deutschen Guggenheim

„Grace Kelly I – 1“ von 1989 setzt sich aus Flächen in Himmelblau, Gelb, Rot, Rosa und Weiß zusammen: Gegenstandslose Kunst kann streng und glamourös zugleich sein. Imi Knoebel hat der Schauspielerin und Fürstin eine Serie gewidmet, ein Beispielbild lächelt uns im Entrée der Deutschen Guggenheim entgegen. Neben exemplarischen Großformaten reihen sich 200 Collagen, Zeichnungen, Fotos und Grafiken aus der Sammlung Deutsche Bank in die Knoebel-Retrospektive „Enduros“ ein. Indem sie einen Bogen von 1968 bis 2005 schlägt, schließt sich die Ausstellung sozusagen als Prequel an die vorherige GuggenheimSchau „Ich Nicht“ (mit neuen Bildern) an. Die Knoebel-Festwochen in Berlin – siehe auch Neue Nationalgalerie – sind also keineswegs beendet (Unter den Linden 13/15, bis 2.8., Mo-So 10-20, Do 10-22 Uhr).

Was wird eigentlich gefeiert? Den runden Geburtstag begeht der 1940 in der Bauhausstadt Dessau geborene, spätere Beuys-Schüler Knoebel erst im kommenden Jahr. Doch sein herausragendes Schaffen ist den Jubel wert. In der Deutschen Guggenheim wird nun die Trias von Materialbefragung, konkreter Kunst und gestischem Repertoire hervorgehoben. So werden stille, am Colorfield-Painting geschulte Formate wie „Figur 18“ und „Figur 25“ mit Bildern konfrontiert, die brutale Pinselhiebe und Einschnitte à la Lucio Fontana aufweisen. Immer aber blickt Knoebel, der Spieler durch, vor allem bei den einfallsfroh-farbenreichen Papiercollagen. Im „Studio“ sind zwei seiner experimentellen Filme zu sehen. Abstraktion ohne Grenzen. Jens Hinrichsen

KUNST

Rund: „Slapback“ von Mareike Lee im A Trans Pavillon

„Im Geist bin ich ein Großstadtkind“, sagt die kanadische Künstlerin Mareike Lee. Im A Trans Pavillon in den Hackeschen Höfen spielt sie mit den Kontrasten der Metropole, mit Nähe und Anonymität, Geborgenheit und Härte. Durch die Schaufensterscheibe locken Fotos von blauem Wasser strudelartig ins Innere. Eine gelbe Wippe steht in der Mitte des Raumes, die Besucher betreten schwankenden Grund. „Slapback“ heißt die Ausstellung, Schlagabtausch (bis 16.8. Fr und Sa 14–19 Uhr). Jede Bewegung verändert die Wahrnehmung, in den Augenwinkeln erscheinen die Splitter der Stadt.

Seit 2006 bespielt die Architektin Isolde Nagel den Pavillon mit Ausstellungen, finanziert von Sponsoren. „simplicity“ lautet das diesjährige Motto, es steht für die einfachen Bestandteile der Stadt, die in der Wiederholung zu komplexen Strukturen zusammenwachsen. Den eigentlichen Schatz der Präsentation bildet ein Leporello mit Radierungen von Mareike Lee, ein Tapetenmusterbuch der Großstadt. Hier hat die 30-jährige Künstlerin die Geheimnisse der Straßen erforscht. Die zartfarbenen Drucke zeigen seltsame Flecken wie Tigerfell – klebrige Kaugummis auf Asphalt. Maschendraht und Lüftungsroste versperren die Sicht: Was liegt dahinter? Freundlich verschlossen studieren die Blätter die sozialen Grenzen und ihre Überschreitungen, das ausgeklügelte Wechselspiel von Abstand und Intimität. Wie auf der Wippe findet sich auch in der Großstadt das Gleichgewicht nie. Simone Reber

ROCK

Untergrund: +/– im Dot Club

Diese Band hat ein Vermarktungsproblem. Anders kann man nicht erklären, dass sie immer noch vor gut 100 Leuten auftritt. Denn musikalisch zählen +/– zum Aufregendsten, was Indierock derzeit zu bieten hat: Als illegitime Abkömmlinge der Neunziger zertrümmern sie den melodischen Breitwandsound von Pavement oder den Smashing Pumpkins mit vulkanischer Explosivität. Im Dot Club treten +/- in Quartettstärke an, nachdem sie zuletzt ohne Patrick Ramos auf Tour waren. Dessen zweite Gitarre verleiht den Songs jene Polydimensionalität, die die Energieausbrüche von Schlagzeuger Chris Deaner erdet. Auch wenn Deaner wie ein entfesselter Duracell-Hase diverse Drumsticks verschleißt, ist er kein Krawalltrommler. Bei den Stop-and-Go-Gewittern „Steal the Blueprints“ und „Fadeout“ stellt er rhythmisches Feinstgefühl unter Beweis, während seine Kollegen zwischen zweitbombenartiger Stille und orgiastischem Lärm oszillieren. James Baluyut, der die meisten Gesangsparts übernimmt und sein Gitarrenspiel durch virtuosen Effektgeräteeinsatz verfremdet, hat leider sein deutsches Vokabelheft vergessen, aus dem er sonst gern ein paar Witzchen zum Besten gibt. Dafür kann er begeistert von einem Festival in Görlitz berichten, wo die Band zum ersten Mal in ihrer Karriere mit Stoffteddys beworfen wurde. Rührende Geste für die mit massenhafter Zuneigung nicht gerade verwöhnten New Yorker. In Berlin revanchieren sich die Zuschauer für 80 Minuten im roten Bereich mit frenetischem Jubel, der ihre geringe Zahl vergessen lässt.Jörg Wunder

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