Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

FILM

Schöner Leiden: Gesine Danckwarts Debütfilm „UmdeinLeben“

Ach, diese Frauen. Immer wieder schön im Kino, so eine rein weibliche Riege. Nach den charmanten französischen „Huit Femmes“ gibt es nun die tiefgründelnde deutsche, theatralische Variante des Genres. „UmdeinLeben“ versammelt sechs Frauen, ihre Selbstgespräche, Hysterien, Fantasmen. Inszeniert und stilisiert von Theaterregisseurin Gesine Danckwart, treten sie vor die Kamera und lassen den Zuschauer an ihren Krisen teilhaben. Das Beste daran ist die Besetzung. Caroline Peters: die gestresste Businessfrau, die im Taxi mit zwei Handys hantiert. Kathrin Angerer: das monologisierende Bar-Girl, das hinterm Tresen die Gäste vermisst. Anne Ratte-Polle: die burschikose Freiberuflerin, die vor dem Telefon auf Aufträge lauert. Maren Kroymann: die bankrotte Society-Lady, die partout eine Einladung zum Empfang braucht. Esther Röhrborn: die Ringerin im Hotel, die ihren Körper als Kampfmaschine verkauft. Und Bettina Stucky: die Politikerin im menschenleeren Regierungsviertel – Angela, allein zu Haus.

Schöner wohnen, schöner leiden: Das Ergebnis ist ein Reigen von edel designten Verzweiflungs-Einaktern. Als Kulisse fungiert die Stadt mit Plattenbau, Shoppingmall, Luxussuite. Manchmal ist der Himmel hoch, manchmal taugt die Welt nur noch zur Fototapete. Alles anonym, alles Metapher – oder cool bis zur blöden Karikatur. Wenn sich eine in den Traum flüchtet, steht sie im White Cube, als ihr eigenes Artefakt. Sie reden ununterbrochen, plappern Satzfragmente, Plattitüden, Peinlichkeiten. Kann bitte mal jemand anklopfen. Ich versuche gerade zu fallen. Du bist total leistungsfixiert. Ach, diese Frauen, sie sind so künstlich, so humorlos, so lebensfremd. Christiane Peitz

KUNST

Babylonische Behälter:

Johannes Albers im Schinkelpavillon

Auf der Biennale in Venedig findet man ihn zuhauf, und Berlin hat seit 2007 mindestens einen davon: den Pavillon für Gegenwartskunst. Nach Sylvie Fleury, Manfred Pernice oder Olaf Metzel stellt der 1966 in Lingen geborene Johannes Albers im Schinkelpavillon aus, einer Mixtur aus Klassizismus und Moderne, in deren Architekt Richard Paulick 1969 auch Teile von Schinkels Bauakademie integrierte (Oberwallstraße 1, bis 1. 8., Do–Sa 12–18 Uhr). Um den Bau des babylonischen Turms geht es in der Erzählung von Franz Kafka, die Johannes Albers zu seiner Installation inspiriert hat. Trocken, beunruhigend sachlich ist Kafkas Stil, und auch Albers gelingen Bilder, die zwischen Nüchternheit und schwarzer Poesie pendeln. „Das Finale“ nennt er seine Arbeit, die das Ende unserer Kultur imaginiert. Verlassen ist die Welt, in der aber immer noch Zeichen flottieren: Ein Regalsystem ist vollgestellt mit Aktenordnern, darin stecken blinkende Glühbirnen, die undefinierbare Codes senden. Flankiert wird die Registratur von zwei mal drei Aquarien, in denen Schneetreiben wie in Schüttelkugeln herrscht.

Jede Wasservitrine wird zum Schauplatz einer absurden Szenerie: Ein Spielzeug- Mann blitzt mit der Kamera ins Nichts. Ein Monster schwingt die Keule, um eine Straßenlaterne zu zertrümmern. Im letzten Aquarium ist der Boden um einen vereisten Baum übersät von schwarzem Fallout. Eine Spur prätentiös wirkt das Ensemble schon. Vor allem aber geht Albers formal zu wenig auf den oktogonal geformten Pavillon ein – dieses eigenartige Raumkonstrukt, das schon für sich zum surrealen Rest (DDR-)Kulturgeschichte geworden ist. Jens Hinrichsen

ROCK

Knochenbeat: The Gories und

The Oblivians im Festsaal Kreuzberg

Vergesst den Hype um die Retter des Rock ’n’ Roll! Vor zwanzig Jahren gab es eine Band, die war so irre, dass sie die Strokes dieser Welt wie Bruce Springsteen oder noch älter aussehen lassen: The Gories aus Detroit, ein Trio, das mit zwei Kaputt-Gitarren und Minimal-Trommel einen rudimentären Rhythm & Blues mit siedend heißem Soul-Feeling schuf, dessen Breitenwirkung sich erst nach dem Garagenrock-Revival vor einigen Jahren entfaltete.

Zusammen mit den Oblivians aus Memphis, die sich ebenso wie die White Stripes nach deren basslosem Vorbild formierten, haben sich die Gories für einige Konzerte wiedervereinigt und die Schrottmühle auf Höchstleistung getrimmt. Angeführt vom schwarzen Sänger und Gitarristen Mick Collins, der sonst mit den Dirtbombs die Clubs unsicher macht, hämmert die Band ihren räudigen Scheppersound in den rappelvollen Festsaal Kreuzberg.

Im stoischen Moe-Tucker-Stil klopft Peggy O’Neill einen primitiven Stampfbeat, während die Jungs emphatischen Boogie-Krach aus den Saiten zerren. Es hört sich an wie eine Jam-Session von John Lee Hooker mit Velvet Underground. Suicides „Ghostrider“ versinkt in selig machendem Feedbackgetöse, und bei der Zugabe bläst Dan Kroha die Mundharmonika wie ein erschöpfter Bulle. Dies ist kein Gniedelrock, sondern purer Knochenbeat, der das Leben im geschrubbten Frohsinn zelebriert.

Und die Party geht weiter, wenn die Oblivians anschließend einen Feierabend-Bonanza-Auftritt abliefern, mit einer desperaten Highspeed-Version von „Sunday You Need Love Monday Be Alone“ der Band Trio, den Primitiv-Rockern aus Großenkneten. Macht jede Menge Spaß. Man könnte mit gebrochenen Beinen im Straßengraben liegen und bester Dinge sein. Volker Lüke

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