Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

DUB-REGGAE

„Gott“ auf der Kappe:

Lee Perry im Haus der Kulturen

Ein Höhepunkt der „Wassermusik“-Konzertreihe im ausverkauften Haus der Kulturen der Welt wird von Musikdirektor Detlef Diederichsen enthusiastisch anmoderiert: „Zwei Magier, die den Produzentenberuf neu erfunden haben“. Lee „Scratch“ Perry hat seit den späten sechziger Jahren die Schunkelrhythmen des Reggae durch Echokammern gejagt und daraus abstrakte Dub-Instrumentals destilliert. Der Londoner Adrian Sherwood hat gut zehn Jahre später die Radikalität des Dub mit moderner Studiotechnik gepaart und wurde zum Impulsgeber für die Pop-Avantgarde. Sherwood eröffnet das Konzert mit einem viertelstündigen Konzentrat aus den Festplattentiefen seines Laptops. Dann kommt, mit einem Rollkoffer im Schlepptau, der Meister auf die Bühne getänzelt: Lee „Scratch“ Perry ist eine lebende Legende, die sich aus dem lärmenden Kingston in die schweizerische Berggemeinde Einsiedeln zurückgezogen hat.

Den faltigen Schädel des 73-Jährigen schmückt eine mit Strassmedaillons, Votivbildchen und pyramidenförmigem Prisma verzierte Kappe, auf deren Schirm Spiegelpailletten das Wort „God“ bilden. Religiosität ist ein zentrales Thema in Perrys melodischem Sprechsingsang, aber irgendwie auch alles andere: Es geht um Sünde, Sterben, Berlin, Liebe, Michael Jackson, whatever. Dass man nicht viel von dem Gemurmel versteht, mindert das Vergnügen nicht im Geringsten. Perry demonstriert die hohe Kunst der Lässigkeit. Wie er noch seine Schluffigkeit – er muss stets auf der Setlist schauen, was als Nächstes kommt – mit einem rhythmisierten „What next?“ adelt, wie er mit winzigen Hüpfern motorische Impulse weitergibt, hat Klasse. Perrys Tiefenentspanntheit überträgt sich aufs Publikum, das sich in der tropenfeuchten Hitze sanft wiegt. Nach 75 Minuten verabschiedet sich Perry leutselig und schlappt samt Köfferchen von dannen. Draußen läuft man in einen warmen Regenvorhang: passender Abschluss für die „Wassermusik“. Jörg Wunder

KUNST

Düstere Sportgeräte:

Paradieskunst in der ifa-Galerie

Die chinesische Künstlerin Leung Chi Wo bat Bürger Hongkongs um eine Wunschliste. Mit den Äußerungen über eine lebenswertere Stadt tapeziert sie eine Wand der ifa-Galerie Berlin. „Billigere Litschi-Martinis“ stehen auch auf der Liste. Die Vorstellungen vom Paradies gehen offenbar auseinander, auch bei den Künstlern aus der Region Asien-Pazifik, die sich zur Gruppenschau „Das Paradies ist anderswo“ ihren Projektionen hingeben (Linienstraße 139/140, bis 27.9., Di-So 14-20 Uhr, Sa 12-20 Uhr). Jason Wee aus Singapur greift das Paradies-Motiv Südseeinsel direkt auf, das sich im konkreten Beispiel seiner nüchternen Tisch-Installation allerdings als strategisches Streitobjekt zwischen Singapur und dem Nachbarn Malaysia erweist. Von dort stammt die Fotokünstlerin Yee I-Lann, die in ihrer dreiteiligen Fotoserie ein verlorenes Paradies im Norden Borneos erkundet. Die Menschen auf den Digitalmontagen lächeln, aber die Landschaft wirkt versehrt. In einer Videokabine zieht die Südkoreanerin Hye Rim Lee mit gespenstischen Parfumspots weibliche Schönheitsideale auf Flaschen. Während die Sportgeräte-Installation des Philippinos Yason Banal durch schwarze Farbgebung depressiv wirkt, verschwendet Nicole Andrijevics (Australien) die Bonbontöne. Im Entrée der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen hat sie ein poppiges Emblem aus farbigem Zucker geschüttet: Rosa Wolken ballen und rote Lippen schürzen sich, bunte Sprechblasen jubeln „Love“ und „Yippeee“ – eine hübsche, harmlose Handarbeit. Jens Hinrichsen

KUNST

Macht der Schallwellen:

Andrade Tudela in der daadgalerie

Unauffälliger kann eine Skulptur kaum in den Raum eingreifen. Die geschwungenen Glasplatten des peruanischen Künstlers Armando Andrade Tudela lappen unmerklich über ihre Podeste hinüber, ragen durchsichtig in die Luft, mehr Linie als Körper. „Torcida“ hat Andrade Tudela seine Ausstellung in der daadgalerie (Zimmerstrasse 90/91, bis 29.8., Mo-Sa 11-18 Uhr) genannt, nach den brasilianischen Fanclubs, die im Fußballstadion allein durch die Schallwellen ihrer Gesänge das Spiel zu wenden versuchen. Der hauchdünne Unterschied in der Perspektive ist Tudelas Thema, die leichte Verschiebung der Wahrnehmung, die sich ergibt, wenn europäische Ästhetik auf lateinamerikanischen Alltag trifft. Der 34-Jährige hat in Lima und London studiert und war in diesem Jahr daad-Stipendiat in Berlin.

An der Wand hängen vier Rattanobjekte. Die luftigen Geflechte filtern die Sicht, verdichten sich zur Fläche oder dehnen sich grobmaschig aus. Der Künstler ließ sie in der Kreuzberger Blindenwerkstatt produzieren. Ironisch nehmen Tudelas Arbeiten die Verklärung des Kolonialstils auf und verschmelzen ihn mit dem Bauhaus. Praktisch durchsichtig, sind sie unübersehbar. Wenn das die Fußballfans wüssten – wie leise man das Spiel gewinnen kann. Simone Reber

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