Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Bässe und Brüche: Hinrich Alpers im Musikinstrumentenmuseum

Bisweilen liegen Theorie und Praxis dicht beieinander, können fruchtbar verschmelzen, statt als Kopf und Herz sich unversöhnlich gegenüberzustehen. Hinrich Alpers ist dafür ein Paradebeispiel. Neben der Instrumentalausbildung hat der 1981 geborene Pianist Musiktheorie studiert. Genau das macht sein Konzert zur Eröffnung der Sommermatineen der Gotthard-Schierse-Stiftung so außergewöhnlich. Alpers spielt im Musikinstrumentenmuseum nicht bloß – er deutet Haydn, befragt Beethoven und durchlebt Schubert. Das alles sympathisch unakademisch: Erst kommt der Genuss und hinterher die Erkenntnis. So lernt man Haydn, den Fortschrittlichen, kennen, wenn Alpers im 2. Satz der Es-Dur-Sonate Hob. XVI:49 einen Moll-Mittelteil voll romantischer Expressionen schafft; oder Haydn, den Architekten, wenn selbst kleinste Läufe im Finale als substanziell gedeutet werden. Man begegnet Beethoven, dem Klangkünstler, dessen späte As-Dur Sonate hier nicht als logikbetriebenes Uhrwerk erscheint. Vielmehr hinterfragt Alpers das Selbstverständliche: die scheinbar lapidare Bassbegleitung zu Beginn des Kopfsatzes ebenso wie die Brüche und die stagnierenden Tonrepetitionen im Adagio.

Wie Sprengstoff wirkt danach die Uraufführung von Daniel Schnyders „TNT“, obwohl das Kürzel eigentlich für „Toccata und Tango“ steht: rhythmisch virtuos, harmonisch vieldeutig und wenig-sagend zugleich. Zum Abschluss Schuberts Vermächtnis, die letzte Sonate: Großartig, wie der junge Pianist die Spannung über die schier unendlichen Klangrückungen dieses B-Dur-Mammutwerkes bis zum explosiven Schluss hin aufrechterhält. Daniel Wixforth

POP

Sounds und Stürme: This Will Destroy You im Lido

This Will Destroy You orientieren sich als Vertreter des Postrock-Hypes an den Errungenschaften von Bands wie Godspeed You! Black Emperor, Mogwai oder Explosions In The Sky. Wie in diesem Genre üblich, ist alles auf den Sound ausgerichtet. Selbst die Songtitel wie „They Move on Tracks of Never-Ending Light“ oder „The Mighty Rio Grande“ und der Bandname sollen vor allem gut klingen. Die vier Texaner klappen im Lido mit zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, ein wenig Keyboard und Elektrobeats einen hermetischen Raum zum Wegdriften auf, der vom leisen Ambient-Klingeln bis zum bombastischen Gitarrensturm reicht – transzendente Soundscapes fürs Kopfkino, die kein Solo und keinen Gesang zulassen und sich nur in Nuancen voneinander unterscheiden. Was sie verbindet, sind einfache, etwas spröde Melodielinien, die in schwer atmende Akkordfolgen verpackt sind und umso stärker bewusstseinsergreifend wirken, je länger die Band einen Song interpretiert. Dabei heben die Musiker das einmal beschworene Thema mittels erprobter Schleusentechnik so nachdrücklich in die Höhe, dass man gar nicht überrascht ist, wenn die Stücke plötzlich in grandiosem Lärm aufglühen.

Erst bei der Zugabe steigert die Band auch noch das Tempo und peitscht mit ihrer verbliebenen Kraft auf die Instrumente ein, bis jeglicher Sound von einem Schwall zischender Elektronik verschluckt wird. Diese Musik befindet sich im letzten Stadium vor der Glückseligmachung. Sie zielt auf die Aufhebung herkömmlicher Sinneswahrnehmungen und wirft Melodien auf, die anschließend gern im Kopf nach Hause getragen werden.Volker Lüke

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