Kultur : KURZ & KRITISCH

Andreas Schäfer

COMEDY

Alltag im All: Yllana lädt zum „Star-Trip“ bei den Wühlmäusen

So kommt man mal zu den Wühlmäusen am Theodor-Heuss-Platz im tiefsten Charlottenburg, dem Haus von Didi Hallervorden. Dieter Nuhr und Uwe Steimle schauen von den Foyerwänden des Kabarett-Theaters, „Halliwood-Filmproduktion“ steht auf einer geheimnisvollen Tür im ersten Stock, während aus dem Zuschauerraum dezenter Techno wummert, angereichert durch weißen Nebel. Wie im Club. Oder im Weltraum. „Yllana“ nennen sich die vier, eine aus Spanien stammende sogenannte Visual-Science-Fiction-Comedy-Gruppe (bis 26. 7., tägl. 20 Uhr). Über deren mimetisches Genie, mit winzigen Mitteln die wundersamsten Effekte zu erzeugen, reibt man sich beim eineinhalbstündigen „Star Trip“ staunend die Augen. Ohne Worte erzählen sie vom Abenteuer einer Weltraumexpedition: eine Bilderzitatreise durch die Science-Fiction-Filmgeschichte, von Star Wars über Alien bis Matrix.

Hin- und herbeamen (was so ein Mund für unheimliche Maschinengeräusche fabrizieren kann!), am Raumschiff werkeln, sich über eine magische Brille einen lang ersehnten Bar-Abend herbeifantasieren – und auf fremden Planeten fremde Wesen in Form riesiger Schwabbelhirne gefangen nehmen. Soo spannend ist der Alltag im All auch wieder nicht, weshalb sich „Yllana“ neben dem geschickten Animieren von Filmbildern im Kopf auf das Macht- und anderweitige Gerangel der Crewmitglieder konzentriert. Es gibt den lachhaften Kommandanten, einen übermotiviert mit der Laserpistole herumjonglierenden Ausputzer und einen, der viel lieber eine Frau wäre. Etwas übertrieben Unterleibsfixiertes, Tresenhaftes haben die Pointen auf Dauer zwar schon; dafür ist das Finale umso zauberhafter: ein zeitlupenlangsames Fußballballett in der Schwerelosigkeit. Andreas Schäfer

KUNST

Porzellan unter Plexiglas:

Christina Doll im Kolbe-Museum

Vitrinen schützen die beiden kleinformatigen Keramikfiguren. Aber keine Sorge, ein Elefant passt in dieses Porzellankabinett ohnehin nicht hinein. Die Kunstkammer im Georg-Kolbe-Museum, ein winziger Sonderausstellungsraum, wird zum dritten Mal bespielt. Diesmal von der Bildhauerin Christina Doll, die ihre weiß glasierten Figurinen mit jeweils einem Attribut unter Plexiglashauben isoliert: Ein Porzellanmann steht etwas steif neben einem Klappstuhl, eine Frau verharrt neben einem massiven Minischreibtisch (Sensburger Allee 25, bis 6.9., Di–So 10–17 Uhr).

Das Porzellanhandwerk hat die bei Alfonso Hüppi an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildete Künstlerin in einer Meißener Manufaktur erlernt. In der Materialwahl ist sie flexibel: Die vier überlebensgroßen Betonfiguren im Skulpturengarten des Museums sind die eigentliche Attraktion von Christina Dolls Gastspiel. Nicht zuletzt wegen des spannenden Kontrasts zu Georg Kolbes idealisierten Bronzekörpern. „Vivi“, „Bobby“, „Elli“ und „Herr Fuhl“ sind dem Realismus verpflichtete Nachschöpfungen existierender Personen – und sie geben nichts auf gerade Haltung, Fitnessbody und Standardlächeln. Die Frage bleibt, was mit der Kunstkammer wird, wenn sich die Künstler (womöglich) zunehmend vom Raumkorsett befreien. Nach zwei schönen Kammerspielen gerät die dritte Ausgabe jedenfalls zur schwächsten, weil musealsten Präsentation. Für den Herbst sind Avus-Interventionen angekündigt. Passt die Rennstrecke ins Kabinett? Jens Hinrichsen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben