Kultur : KURZ & KRITISCH

Lea Hampel[Maris Hubschmid],Matthias Lehmphul

Plastische Politik: Das Forum Romanum in der Abguss-Sammlung


Freunde! Mitbürger! Römer! Was heute nur noch als Ruinenfeld erhalten ist, das hat die Universität Erlangen in monatelanger Arbeit auferstehen lassen. Ihr im Maßstab 1:200 gefertigtes Modell des Forum Romanum, einst politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Zentrum der mediterranen Welt, ist in der Abguss-Sammlung in Berlin zu sehen (Schloßstr. 69b, bis 30. 8.; Do. bis So. 14–17 Uhr). Und das gleich in zweifacher Ausführung: ein Modell dokumentiert den Platz zur Zeit der späten Republik 78–52 vor Christus, ein anderes nach der Umgestaltung durch Caesar und Augustus 60 Jahre später.

Die Bastler verschaffen einen plastischen Eindruck davon, wie sich das Forum unter dem Einfluss beider Herrscher wandelte und zunehmend der Selbstdarstellung der kaiserlichen Familien diente. Texttafeln und Pläne informieren über die Bauten und deren Ausschmückungen. Einiger Fantasie bedarf es schon, sich dieses Bildnis als Ort blühenden Handels und Bühne politischer Kämpfe vorzustellen, wenn man aus der Vogelperspektive auf die menschenleere Sperrholzlandschaft blickt. Wer aber geschichtlich bewandert ist und bereit, in die Knie zu gehen, der befindet sich plötzlich doch auf Augenhöhe mit Catilina oder schnappt einen Satz aus Ciceros berühmten Reden auf. Und möglicherweise wird in ihm Sehnsucht wach nach einer Zeit, in der Politik auf den Straßen noch allgegenwärtig war und nicht bloß hinter strengsten Sicherheitsabsperrungen oder in der Flimmerkiste stattfand. (Maris Hubschmid)

Überforderte Clowns: Kafka im Theater Thikwa

Ob etwas Absicht ist oder Zufall, bleibt auf dieser Bühne stets unklar. Der laute Ruf „Die Tür ist zu, zu!“ der jungen Frau, die wiederkehrende Geste des älteren Herrn, der mit dem Finger auf dem Mund zur Stille aufruft, der junge Mann, der sich an den Bühnenrand setzt und aufmerksam das Publikum mustert, jeder Moment ist von einer wohltuenden Unklarheit durchzogen, beim Publikum wie bei den Schauspielern.

Das liegt vor allem daran, dass hier zwar mit Profis gearbeitet wird, drei der vier Schauspieler allerdings behindert sind. „Kafka am Sprachrand“, eine von vielen erfolgreichen Kooperationen zwischen dem Theater zum westlichen Stadthirschen und dem Theater Thikwa, lief bereits Ende 2008 und wird gerade im F40 in der Fidicinstraße neu aufgelegt. Eine Stunde lang werden kurze Texte und Textschnipsel von Kafka, unter anderem aus der „Kleinen Fabel“, dem „Steuermann“ oder „Ein altes Blatt“ vorgetragen, hauptsächlich von Schauspieler und Mitregisseur Dominik Bender, untermalt mit Kommentaren, Gesten und Geräuschen der drei Thikwa-Schauspieler.

Da findet auf der Bühne ein Luftgitarrenkonzert statt, es regnen weiße Gummimäuse herab und eine Hochzeit wird geprobt, und so entsteht eine Mischung, die der Absurdität mancher Kafkatexte auf sehr charmante und kreative Weise gerecht wird. Der Untertitel ist nicht umsonst  „Drahtseilakt für vier hoffnungsvoll überforderte Clowns“. Dass es immer wieder kleine Schreckmomente mit Fragezeichen gibt, in denen unklar ist, ob das so geplant war oder man eigentlich den Proben zuschaut, tut nicht nur den Stücken gut, sondern vor allem den Zuschauern.  Dann ist „Kafka am Sprachrand“ Theater in der besten Form: es überrascht, regt zum Nachdenken an und schärft die Sinne. Und gibt Schauspieler Wolfgang Fliege recht, der, wenn etwas auf der Bühne nicht läuft wie es soll, abwinkt und sagt: „Macht do’ nüscht.“ (am 25., 26. 7., 20 Uhr) (Lea Hampel)

Tanz und Taumel: Derwische in der Villa Oppenheim

Wenn heute vom Islam die Rede ist, kommen schnell Bilder von Fundamentalisten in den Sinn. Jene Fanatiker, die sich für die Machtinteressen der Osama bin Ladens dieser Welt instrumentalisieren lassen. Mehmet Günyeli will mit den westlichen Ressentiments brechen, indem er muslimische Mönche in der Türkei fotografiert. Der Künstler begab sich 2007 mit seiner Kamera auf die Suche nach der Jahrhunderte alten Kultur der Derwische. Jenen Orden, der vom Mystiker Mewlana (1207-1273) in der südtürkischen Provinz Konya gegründet wurde und dessen zentraler Ritus der Tanz ist. Armut und Askese sollen den Verstand schärfen. Im Tanz streben seine Anhänger nach Vollendung, der göttlichen Liebe. Sie huldigen damit letztlich dem Propheten Mohammed. Heute lebt vor allem die Tourismusindustrie von der Geschichte der tanzenden Bettelmönche.

Günyeli zeigt im Rahmen des zwanzigjährigen Bestehens der Städtepartnerschaft von Berlin und Istanbul Werke seiner Begegnung mit den Nachfahren Mewlanas in der Villa Oppenheim (Schloßstr. 55, bis 23. 8.; Di-Fr, 10-17 Uhr, So 11-17 Uhr. Katalog 5 €). Zu sehen sind großformatige Momentaufnahmen des Tanzrituals. Nicht die Bewegung an sich, sondern das Innehalten zwischen den einzelnen Tänzen hat den Künstler interessiert. Die abschließende Verneigung eines Mönches wird zur monumentalen Skulptur stilisiert. Allerdings überzieht der Fotograf seine Bilder mit einem überbordenden Licht und Schattenspiel. Das Wesentliche, die tanzenden Mönche und ihr Glaube, fällt ins ungreifbare Dunkel unserer Unkenntnis zurück. (Matthias Lehmphul)

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