Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Carsten Niemann

FESTIVAL

Gut gebrüllt: Schweizer Klänge  und Bilder im Radialsystem

Dass die Schweizer mit Löchern umzugehen wissen, dafür steht nicht nur der Emmentaler, sondern auch der Schweizer Nationalfeiertag, den die Eidgenossen mitten ins Sommerloch gelegt haben. Dass auch er das Zeug zum Exportschlager hat, will das Festival „Schweizgenössisch“ noch bis zum 6. August im Radialsystem mit einem exquisiten Angebot aus Konzerten, Tanz, Theater, Film, visueller Kunst und Literatur beweisen. Den Auftakt machten am Freitag Stefan Schwieters Film „Heimatklänge“ (2007), die Installation „so’ne chääs“ von Copa & Sordes und der Auftritt des Duos Stimmhorn. Offensiv stellte man sich neben dem übermächtigen Thema Käse auch zwei weiteren Bergmassiven der Schweizklischees: dem Jodeln und der Volksmusik. Besonders der Auftritt des Duos Stimmhorn wurde zu einem Lehrstück darüber, was Heimat im Zeitalter der Globalisierung bedeuten kann.

Er habe Jodeln ebenso gehasst wie die „Ländlermusik-Scheiße“, gesteht der Stimmkünstler Christian Zehnder im Film „Heimatklänge“. Danach zeigen er und sein Duopartner Balthasar Streiff live, dass man mit der Kulturtechnik des Berge-Anschreiens so unbekümmert umgehen kann wie mit Alp- und Krummhörnern, Obertongesang, Wippcordeon, Pop-, Jazz-, Klassik- und Ethnoanklängen. Dass bei alledem kein Multikultibrei entsteht, hat mit der Genauigkeit zu tun, mit der Zehnder seine Umwelt erforscht, und mit der Schonungslosigkeit, mit der er seine Wahrnehmungen mitteilt: Statt Klischees zu reproduzieren, findet er den Punkt, an dem Kehllaute von arabischen Migranten in Jodler, der Groove einer Melkmaschine in psychedelischen Beat und tierisches Brüllen in meditative Obertöne übergehen. Carsten Niemann

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