Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Carsten Niemann

KLASSIK

Das kleine, böse c: Blockflötist

Maurice Steger im Radialsystem

Irgendwann ist der Augenblick gekommen, an dem Maurice Steger dem Publikum im Rahmen des Festivals „Schweizgenössisch“ im Radialsystem anvertraut, wie man eine Blockflöte in der Schweiz nenne: Wörtlich übersetzt heiße das Ding so viel wie „Spuck-Knebel“. Ja, es sei eine Herausforderung für einen pubertierenden 13-Jährigen gewesen, sich zu diesem Instrument zu bekennen, erinnert sich Steger und greift zu dem bekanntesten Folterinstrument der Familie, der kleinen bösen c-Blockflöte. Was er ihr in einer Sonate des Händel-Zeitgenossen Giuseppe Sammartini entlockt, macht den Triumph des Abends perfekt.

Dabei ist Geschwindigkeit für Steger nicht alles. Zwar steht das Intime und Verträumte, das man im Barock zuerst mit der „Flauto dolce“ assoziierte, nicht im Fokus seines Interesses. Dennoch tut er seinem Instrument nie Gewalt an: Das Passagenwerk der flottesten Allegros ist immer von großen lyrischen Bögen getragen, der extrovertierte Ausdruck seiner Adagios ist durch feine Abstufungen der Lautstärke differenziert und seine musikalische Syntax muss er den Sprachmelodien packender Erzähler abgelauscht haben. Kein Wunder, dass es dem Enkel einer romanisch und einer italienisch sprechenden Großmutter zuletzt auch noch gelingt, die Kunstmusik Italiens mit Graubündener Gebrauchsmusik zu versöhnen, die ihm sein kongenialer Cembalopartner Naoki Kitaya auf den Leib arrangiert hat. Und so verlässt man das Konzert nicht geknebelt, sondern gefesselt. Carsten Niemann

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