Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Ulrich Amling

KLASSIK

Verschneit: Das Kammerorchester Basel im Radialsystem

Das Festival Schweizgenössisch versucht in verschiedenen Aufstiegen zu erkunden, was die Schweiz im Kern klingend zusammenhält. Mit dem Kammerorchester Basel präsentiert ein hochmotiviertes, junges Klassikkollektiv im Radialsystem V seine Klangvignette der Heimat unter dem Motto „Sommernacht & Schneefelder“. Wer Gipfel stürmen will, muss im Tal anfangen. Othmar Schoecks „Sommernacht“ klingt, als hätten sich Wagner-Getreue in einem unzugänglichen, dunklen Seitental verschanzt. Von dort aus senden sie vom Vergehen der Zeit unangekränkelte, jedoch leicht klaustrophobische Kompositionen in die Welt – wie Schoecks 1945 vollendetes Pastorales Intermezzo. Da drängt es einen unwillkürlich weiter, höher, dorthin, wo der Wind weht und den Schnee mit sich reißt.

In diesen alpinen Regionen spielt „Sastruga“, eine Uraufführung des jungen Basler Komponisten Martin Jaggi. Scharfe, in den Schnee gefräste Rillen dienen ihm als Vorlage für ein schmales Klangprofil, das die Musiker nur mit Hilfe eines Dirigenten stanzen können. Schade für ein Ensemble, das zumeist von seiner Konzertmeisterin geleitet wird. Bei Bartoks Divertimento für Streichorchester kann es noch einmal beweisen, was in ihm steckt. Ein Gipfel, ohne Schweizer. Ulrich Amling

KUNST

Stromlinienförmig: Skulpturen von

Gustav Reinhardt in Neukölln

Es sind Linien, Schraffuren, Geometrien, die der Künstler in die Luft zeichnet: Gustav Reinhardt baut seine „Twist“-Objekte aus meist langen, gebogenen Rundhölzern, die er mit Japanpapier bespannt, bevor er das Ganze mit einem lichtechten Lack überzieht. Von der Decke der ehemaligen Orangerie herabhängend, treiben sie im leichten Windhauch und hinterlassen an den Wandflächen bewegte Schattenbilder: „Flug des Schattens“ heißt Reinhardts Soloausstellung in der Galerie am Körnerpark (Schierker Straße 8, Neukölln, bis 30.8., Di-So 10-18 Uhr). Der Bildhauer wurde 1950 in Salzburg geboren, wuchs bei Stuttgart auf und wurde dort bei Porsche als Karosseriebauer und Konstrukteur ausgebildet. Obwohl er später auch ein Bildhauerstudium an der Berliner Hochschule der Künste absolvierte, scheinen ihn Windkanal und Stromlinienform im Autodesign mindestens ebenso geprägt zu haben.

In den Achtzigerjahren schweißte der heute am Wannsee lebende Künstler Skulpturen aus Metallschrott zusammen, lange bevor er zu den farbig ansprechenden, dynamische Bögen durch den Raum ziehenden Papierarbeiten kam. Ähnliche geometrische Strukturen wie die an Fäden herabhängenden Flugobjekte weisen die Zeichnungen und Wandarbeiten in der Ausstellung auf, doch weniges davon kann mit den poetischen Skulpturen konkurrieren. Zudem mindert die ziemlich üppig gehängte Flachware die Schatteneffekte, die der Ausstellungstitel doch so hervorhebt. Jens Hinrichsen

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