Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Young Euro Classic (1): Matinee mit dem Ensemble China–Deutschland

Wie entsteht eine Brücke? Baut man vom einen Ufer zum anderen oder beginnt man an beiden Seiten und arbeitet sich vor bis zur Mitte? Das Young-Euro-Classic-Ensemble China–Deutschland wählt für seine mit „Brücken“ betitelte Konzert-Matinee am Sonntag die zweite Variante. Mit Mozart, Liszt und Brahms auf der einen und den bis zu 2000 Jahre alten chinesischen Kompositionen auf der anderen Seite setzen die Studenten aus Schanghai, Peking, Köln und Frankfurt im kleinen Saal des Konzerthauses zunächst die Eckfundamente – Welten voneinander entfernt. Mozarts Klavierquartett g-Moll gerät dabei zu einem lyrischen, fast romantisierten Schwelgen, das im Allegro noch Zielstrebigkeit vermissen lässt, im zweiten und dritten Satz aber besonders durch Geigerin Ke Xiao und Pianist Shuying Chen faszinierend ausdrucksstark wird. Ähnlich die Ecksätze aus Brahms g-Moll-Klavierquartett: ein mitreißender Gefühlssturm, der allerdings hier und da über Details hinwegfegt.

Den Gegenpart bilden drei Solostücke für das optisch einer Zither ähnelnde Guzheng, die mit Pfeifen ausgestattete Pipa und das lautenähnliche Sheng. Extrem virtuos verbinden die Werke unbekannte Klangästhetik mit asiatischer Kulturgeschichte. Schließlich die Berührung: Die junge Komponistin Ying Wang hat in Schanghai und Köln studiert und dokumentiert dies künstlerisch in ihrem Festival-Auftragswerk „Nur Ich“ für Streichquartett, Schlagzeug und die chinesischen Instrumente. Aus ihrer Musik spricht die Radikalität europäischer Moderne ebenso wie fernöstliche Traditionen. Die Brücke hält. Daniel Wixforth

KLASSIK

Young Euro Classic (2): Orchester des Schleswig-Holstein-Festivals

Die Selbstverständlichkeit, mit der man heute seine Talente entfalten kann, rühmt Egon Bahr als Abendpate vor dem Auftritt des Schleswig-Holstein-Festival-Orchesters am Sonntag bei Young Euro Classic. Ihm selbst war das Musikstudium wegen einer jüdischen Großmutter verwehrt – was später vor allem „einige Freunde bei der Union“ bedauert haben. In der Tat bieten die etwa 100 jungen Musiker aus aller Welt unter dem ebenso anfeuernden wie präzisen Dirigat von Lawrence Foster höchste Orchestervirtuosität mit einer Spielfreude, dass es eine Lust ist. Nach Richard Strauss’ symphonischer Dichtung „Ein Heldenleben“ tobt der Saal denn auch, als gelte es, das altehrwürdige Konzerthaus zum Einsturz zu bringen.

Die glänzende Darbietung mit fulminanten Sololeistungen – allen voran die Erste Violine als mit dem Helden kokettierende Gefährtin und das Horn als streitbar-gütiger Held selbst – kann über den selbstgefälligen Bombast dieser Musik nicht hinwegtäuschen. Überraschenderweise nimmt Wolfgang Rihms „Verwandlung 3“, eine Komposition aus dem Jahr 2008, den affirmativen Gestus mit spätromantisch anmutender Motivik und rauschhaften Klangfarben auf, bleibt dabei aber merkwürdig indifferent im Ausdruck. Dazwischen steht fremd und verloren Robert Schumanns heikles Cellokonzert, das Daniel Müller Schott mit wunderbar sensibler Tongebung und Gespür für seine introvertierte Tragik zum Glück dieses Abends macht. Eine Musik – zerbrechlich, ungeschützt und für keine Herrschaftsgeste tauglich. Isabel Herzfeld

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