Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

YOUNG EURO CONNECT

Spitzen gegen Brüssel: Wie junge Journalisten Europa erleben

Europa steckt im Detail: in den Tücken eines Kühlschranks, den Tiefen des Internets oder der Mülltonne, auf der Speisekarte oder am Flussufer des Bug. So verschieden wie die Herkunftsländer der sechs jungen Journalisten beim Literaturabend „Young Euro Connect“ am Mittwoch im Konzerthaus, so unterschiedlich sind auch deren Antworten auf die Frage, wie die Gesetzgebung aus Brüssel und Straßburg den Alltag bestimmt. Nach einführenden Worten von TagesspiegelChefredakteur Stephan-Andreas Casdorff und einem Bach-Präludium, das der 23-jährige Cellist Johannes Dworatzek vorträgt, eröffnet „SZ“-Magazinredakteur Bastian Obermayer das Sextett. Mit Gespür für Timing und Absurditäten erzählt er von einem defekten Kühlschrank und davon, wie der Hersteller europäisches Recht zum eigenen Vorteil auszusitzen versucht. Ähnlich ironisch auch die Reportage des 29-jährigen Witold Szablowski aus Polen über eine Kajak-Tour auf dem Bug zwischen Polen, Ukraine und Weißrussland. Ein Hauch von fröhlichem Abenteuer – und doch schwingt die Frage mit, ob die offenen Grenzen der EU neue Mauern für den Rest der Welt bedeuten.

Andere Reportagen wie die von Bianca Zanini Vasconcellos und Marina Ferhatovic, beide gelesen von der DT-Schauspielerin Katharina Schmalenberg, berichten nüchtern von den lieblosen Tricks dänischer Ausländerbehörden und der schwedischen Piratenfreiheit im Internet. Und während Karsten Kammholz („Hamburger Abendblatt“) der Frage nachgeht, warum es in Ostsee-Restaurants keinen Dorsch mehr gibt, beobachtet die Slowenin Nataša Kramberger von einem Müllwagen aus das vorläufige Ende der Verwertungskette. Die alten Autoreifen und Tierfelle sind nur ein Teil der „Minestrone aus Müll“, die sie trotz Mülltrennungsverordnung in so mancher Papiertonne ausmacht. Eva Kalwa

KLASSIK

Koloraturfeuerwerk:

Simone Kermes im Bode-Museum

Das rote Haar verwegen in die Höhe geschraubt, die kajalumrandeten Augen weit aufgerissen stürmt Simone Kermes in die Basilika des Bode-Museums. Schon damit hat die Sängerin die Primadonna Francesca Cuzzoni wiederbelebt – jenen „weiblichen Teufel“, den Händel einst im Streit aus dem Fenster zu werfen drohte. Dem eigentlichen Jubilar des Abends stiehlt die Diva fast die Show – schließlich läutet die begleitende Lautten-Compagney Berlin die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Ensemblejubiläum ein. Einige Barockfans schätzen das von Wolfgang Katschner gegründete Ensemble wegen seiner rhetorisch-plastischen Spielweise noch mehr als Berlins berühmtestes Alte-Musik-Ensemble, die Akademie für Alte Musik. In bunt instrumentierten Arrangements von Händel-Arien zeigt man, wie viele fähige Solisten man in den eigenen Reihen hat. Doch nur der Kermes gelingt es, die ungnädige Überakustik des Saals vergessen zu machen: Wie sie mit einem fast derben Schluchzen einen hauchzarten Spitzenton ausspuckt, dafür gibt es das erste Bravo; was an Koloraturfeuerwerken sowie herzzerreißenden Stratosphärentönen folgt, lässt die Museumswärter herbeieilen.

Anders als Cuzzoni strahlt Kermes beim Singen keine Unschuld aus, auch besitzt ihre Intonation eine zartbittere Note. In ihrer völligen Hingabe an die Rolle sowie ihrer Fähigkeit, mühelos zwischen hoch- energetischen Koloraturen und ergreifenden Kantilenen zu wechseln, wird sie gleichwohl zur Reinkarnation einer Diva, die Weltklasse war. Carsten Niemann

CHANSON

In Worten ertrinken:

Kitty Hoff auf dem Badeschiff

Im Badeschiff schwimmen noch welche im blaubeleuchteten Wasser, dahinter gleiten Boote durch die Spree. Junge Leute lümmeln auf Liegestühlen im Sand, es riecht nach Bratwurst. Den ganzen Sommer gibt es hier mittwochs in der Reihe „Ohne Strom“ kleine Unplugged-Konzerte bei freiem Eintritt. Gute Idee, schönes Ambiente. Kitty Hoff hat sich eine dünne Wolljacke über das Sommerkleidchen gezogen, passend zum frischen Abend. Begleitet von einem Gitarristen im schwarzen Anzug singt die blonde Chansonette über eine „Frau auf der Brücke“. Man würde gerne mehr verstehen von diesen Songs der Dame aus Münster, die in Berlin lebt. Zu jazzeligen Gitarrenakkorden hört man von einem „Leichtmatrosen in schmutzigen Hosen“, doch schon gehen die gehauchten Worte unter im Geplapper des Publikums. Ein bisschen wie beim Pressefest im Auswärtigen Amt. Zurückhaltender Hotelfoyer-Jazz, Bossa Nova, Astrud Gilberto „light“ und eine entlehnte Melodie von Tom Waits. Munter klirrt der Barmann mit den Bierkisten. Kitty singt hübsch, angenehm, unauffällig. Sie spielt Melodica und plingelt auf dem Glockenspiel. „Da fehlt vielleicht ein bisschen die Band“, sagt sie. Wer ihre neue Platte „Zuhause“ habe, wisse, wie es klingen müsse. Vielleicht wirken die deutschen Chansons an diesem Abend tatsächlich etwas eindimensional, weil die Farben von Piano, Bass und Schlagzeug fehlen. Rauschender Applaus nach einer knappen Stunde und dem letzten Lied: „Rauschen“. H.P. Daniels

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