Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

YOUNG EURO CLASSIC

Marathon: Neue Musik aus

Russland und Deutschland

Mehr Neue Musik geht nicht. Über fast dreieinhalb Stunden erstreckt sich das Mammutprogramm des Studios für Neue Musik Moskau und der Internationalen Ensemble Modern Akademie. Unter dem Titel „Dialoge“ erklingt 13 Mal Kammermusik, darunter vier Uraufführungen, mit Bach oder Schumann zum Luftholen. Kein Wunder, dass nach der späten Pause jeder zweite Platz des anfangs gut gefüllten Konzerthauses leer bleibt. Problematisch ist die Überlänge auch deshalb, weil die Dagebliebenen gegen Ende unter Konzentrationsdefiziten leiden, während die Komponisten und Musiker bis zur letzten Sekunde ein schöpferisches und interpretatorisches Potenzial zeigen, das unbedingt Aufmerksamkeit verdient hätte.

Allen voran die Uraufführungen, zum Beispiel „Kurz Vor’m“, ein Werk der 1981 geborenen Birke J. Bertelsmeier. Brüchige, rhythmisch komplexe Streicherpizzicati verbinden sich mit warmem Klarinettenklang, Polyphonie löst sich im emphatisch pochenden Schluss-Unisono auf. Oder Nikolai Khrusts „Eugenica I“: Alltagsästhetik à la John Cage, bei der Kochtopf und Alufolie als Instrumente mit Streichern und Holzbläsern konkurrieren. Die Dirigenten Igor Dronov und Scott Voyles beweisen feines Gespür für die winzigen Klangdetails, die diese Musik jenseits bloßer Materialanordnungen so lebendig machen. So werden auch Olga Bochikhinas „Unter der Kuppel hervor“ und das „Logbuch (Sphinxengaleere)“ von Alexander Muno zur reizvollen Gegenüberstellung aktuellen Komponierens in Russland und Deutschland. Daniel Wixforth

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