Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Die Sixties locken: Vetiver im Magnet-Club

Wenn dieses Konzert vor 40 Jahren in Woodstock stattgefunden hätte, wäre der Band eine große Karriere sicher gewesen: Vetiver sind glühende Verehrer der späten Sixties. Ihre wunderbaren Songs, die schwerelos zwischen flirrendem Wüstenrock, Country-Geplinker, psychedelischer Improvisationskunst, sonnigem Westcoast-Pop und krautigem Folk oszillieren, rufen wohlige Erinnerungen an das goldene Zeitalter amerikanischer Rockmusik wach. Große Namen kommen einem in den Sinn: The Band. Creedence Clearwater Revival. Grateful Dead. Sogar The Doors, deren Soundkaskaden durch die lässige Organistin einen adäquaten Nachhall finden. Aber Vetiver sind keine Stars, die vor Hunderttausenden spielen, sondern eine kleine Band aus San Francisco, die sich am liebsten bei jedem der gut 300 Aufrechten im brutal aufgeheizten Magnet-Club bedanken würde.

Andy Cabic ist die Seele von Vetiver. Die Lippen wie eine Comicfigur zerknautschend, singt er mit verzehrender Leidenschaft, während seine Kollegen mit traumwandlerischer Präzision komplexe Akkorde verknoten und sich heikles Fremdmaterial wie Townes Van Zandts „Standin’“ oder Fleetwood Mac „Save Me A Place“ aneignen. Eigentlich müsste man jeden dieser fünf Könner hervorheben: das fantastische Zusammenspiel von Schlagzeug und Bass, die großartigen Interplays von Cabic und Leadgitarrist Sanders Trippe. Doch die Bescheidenheit, mit der Vetiver selbst den begeisterten Jubel nach 75 Minuten verlegen entgegennehmen, sagt mehr über den Charakter dieser Band als jede Lobhudelei. Jörg Wunder

KUNST

Die Uhr tickt: Klanginstallationen im Wasserturm in Prenzlauer Berg

Der Klang, der aus der Kälte kommt: Im Kleinen Wasserspeicher haben Studenten aus Den Haag und Berlin unter der Leitung des Medienkünstlers Edwin van der Heide die Klanginstallation „Klangspeicher – global/local“ entwickelt. In der Mitte Speichers erklingen Geräuschkompositionen, in die sich weitere im Raum verteilte Samples mischen. Tropfenklangkaskaden springen durch das Dunkel, Elektrogrillen zirpen, hybride lallen die Mitternachtsgesänge. In der Singuhr-Hörgalerie in Prenzlauer Berg spielt die Zeit verrückt (Wasserturmquartier Belforter und Diedenhofer Str., bis 20.9., Mi–So 14–20 Uhr, www.singuhr.de).

Auch im Großen Wasserspeicher ist der Sommer ausgesperrt. Mit sparsamen Klängen wartet die Installation „Unpacking“ auf. Eher verzichtbar sind die Tickgeräusche, mit denen der Italiener Paolo Piscitelli noch einmal betont, dass es hier um Zeit geht. Auf Wände aus Pappkartons projiziert er Videos schreibender Hände. „Lolita“ und „East of Eden“ schreibt jemand auf Overheadfolie. Es geht um Buchtitel, die sich in der Erinnerung der Probanden festgesetzt haben. Die Überformungen des öffentlichen Raums thematisiert Stefan Rummel mit seinen „Fehlformen“ an und in Bäumen am Wasserturmplatz. Aus einem Klangkasten-Ensemble dringen Geräusche, die schwer einzuordnen sind. Schießt das Gras oder flüstern die Presslufthämmer?Jens Hinrichsen

KLASSIK

Sündige Tasten: Junge Pianisten

bei den Young Euro Classic

Von Nachwuchsmusikern zu reden, gilt an diesem Abend nicht. Wer es in das „AnTasten“-Programm der Young Euro Classic geschafft hat, der hat als Pianist bereits auf sich aufmerksam gemacht. Es gelten die Maßstäbe der Großen. Schon mit Ben Kim aus den USA wird das deutlich. Mit welcher Weit- und Rücksicht der 24-Jährige Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke Op. 19 als Schwellenwerk zwischen Romantik und einer noch utopischen Moderne begreift, das erstaunt. Schumanns Kreisleriana dagegen kommt als Expressionsfeuerwerk daher, bei dem Kim dazu neigt, seinen Interpretationsgeist in den Schatten von technischem Ehrgeiz zu stellen.

Mit dem Rumänen Matei Varga folgt ein gänzlich anderer und doch ähnlicher Charakter. Wildes Schnaufen, aber ein trockener Klang. Ist der zunächst auf das – mit Karol Szymanowskis Sheherazade und Mihai Mÿniceanus VII – recht akademische Programm zu schieben, so wünscht man sich doch spätestens in Schumanns C-Dur-Fantasie mehr Klangfarbenreichtum. Zumal die Kroatin Martina Filjak zum Finale dieses Klaviermarathons zeigt, wie es gehen kann. Was sie in Luciano Berios Wasserklavier an intimer Filigranarbeit andeutet – manchmal so, als sei es Sünde die Tasten zu berühren – das verschmilzt in Beethovens Hammerklaviersonate mit der geforderten Radikalität. Im Zentrum das Adagio – bei Filiak andächtig, fast sakral und voll subtiler Bewegtheit. Daniel Wixforth

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