Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

YOUNG EURO CLASSIC

Fesch: Das Jeunesse-Orchester aus Wien im Konzerthaus

Laune machen, das können sie bei Young Euro Classic. Wenn der Kontrabassist im breitesten Wienerisch das Konzerthaus- Publikum begrüßt und Schauspieler Dietrich Mattausch als Pate des Abends Georg Kreislers launige Ausführungen über die erotische Beziehung des Musikers zu seinem Instrument vorträgt, braucht das Wiener Jeunesse-Orchester nicht erst für Stimmung zu sorgen.

Bei Leonard Bernsteins „Candide“-Suite zur Eröffnung wie bei Dvoráks Achter nach der Pause kehren sie unter dem souveränen Dirigat von Herbert Böck das Duftige wie das Deftige hervor, mit geschmeidig-sämigem Streicherklang, wuchtigem Blech, superben Klarinetten- Pianissimi und temperamentvollem Schlagwerk. Ob Walzerseligkeit, tränenreiche Cello-Kantilenen samt Pizzicato- Esprit, böhmischer Volkston oder Broadway-Rhythmen mit Opernball-Reminiszenzen: Die jungen Österreicher schöpfen aus dem Vollen, aus der reichen musikalischen Tradition ihres Landes. Man liegt im gemachten Bett und amüsiert sich. Auch wenn es bei Dvoráks sich wiederholenden melodischen Gefälligkeiten ein wenig zu routiniert abgeht.

Dazwischen die Uraufführung von Helmut Hödls „Sing sing sing“: eine Jazz- Hommage an Benny Goodman, gemeinsam mit der Vienna Clarinet Connection, der auch der Komponist selbst angehört. Die vier Klarinettisten bewegen sich in Sekundschritten auf pulsierenden Klangflächen, Minimal Music trifft Debussy, Bartók, Mahler, Charles Ives. Ein mit Selbstironie angereicherter transatlantischer Hybrid, der Höhepunkt des Abends. Schmissig, süffig – und nur ein klein bisschen geschwätzig. Christiane Peitz

POSTROCK

Glorious Bastards: Tortoise spielen im Columbia-Club

Zwei Schlagzeuger sind immer gut. Vor allem bei Bands, die sich komplexeren Pop-Formaten verschrieben haben. Tortoise haben sogar drei versierte Drummer in ihren Reihen, von denen zumeist zwei den verzwickten Postrock mit einem hibbeligen Drive unterfüttern. Das Quintett aus Chicago ist Hauptvertreter dieser Musikrichtung, bei der die Expressivität herkömmlichen Gitarrenrocks in eine strukturalistische Formensprache überführt wurde. Man darf auch Jazzrock dazu sagen, aber die damit verknüpfte Assoziation ins Leere laufender Virtuosität kann man vergessen: Im gut besuchten Columbia-Club zeigen Tortoise zwar beiläufig, dass sie allesamt Könner ihres Fachs sind. Aber Ziel der individuellen Anstrengung ist immer ein kollektives Ganzes, was auch durch den dauernden Wechsel der Instrumente angezeigt wird.

Da trommeln etwa John Herndon und Dan Bitney raffiniert gegenläufige Taktmaße, Doug McCombs schrubbt wuchtige Bass-Riffs, Jeff Parker spielt modale Skalen auf der E-Gitarre, und John McEntire quält mit sardonischem Grinsen rabiate Knarzgeräusche aus einem alten Analog-Synthesizer. Oder McEntire dengelt ein hypnotisches Muster auf dem Vibrafon, während die anderen einen knochigen Groove vor sich her treiben. Hier hat eine Band zu neuer Größe gefunden: Wirkten Tortoise zuletzt ein wenig zu routiniert in ihrer zum Markenzeichen erstarrten Abstraktion, haben sie jetzt wieder Feuer gefangen. Man bemerkt die Spielfreude, sieht, wie die älter gewordenen Männer miteinander kommunizieren, wie sie sich mit abstrusen Einfällen überraschen. Das strahlt ab auf’s Publikum, das sich in trunkener Verzückung zu den intellektuellen Songgebilden in Rage tanzt. Jörg Wunder

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