Kultur : KURZ & KRITISCH

POP

Meister der Melancholie: die Band Beirut im Astra-Kulturhaus

Der Boden scheint auf einmal nicht mehr aus Beton, als die Trompeten und das Akkordeon der elfköpfigen amerikanischen Folkband Beirut zu den ersten Tönen im ausverkauften Astra-Kulturhaus anheben. Eine Zwischenwelt tut sich auf. Die Reise beginnt mit einem zaghaften melodischen Balkanmarsch; Zach Condon, der Gitarrist und Sänger, ist überhaupt ein Meister der Melancholie, er strahlt Unerreichbarkeit aus. „Ich bin kein Berliner“ begrüßt der 23-jährige Musiker das Publikum in gebrochenem Deutsch. Und stolpert gleich wieder ins Englische: „Das wird eine sehr betrunkene Nacht.“

Condon braucht eine Weile, um sich warm zu singen. Aber als er die Trompete beiseite legt und zur Ukulele greift, ist allen klar, hier kommt der „Elephant Gun“, die Hymne aus dem Debütalbum der Band „Gulag Orkestra“. Selbst die schlechte Akustik in der Halle des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerks an der Revaler Straße kann den Frontmann nicht aufhalten. Am Ende steht er allein auf der Bühne; seine Stimme hat seine Sehnsucht jetzt eingeholt. Sechs Zugaben braucht die Band, bis die Melancholie weggewischt ist und die Fans nach zwei seligen Stunden mit frisch geerdetem Pop auf die Straße entlassen. Im Herbst, so hört man, geht Condon wieder ins Studio. Matthias Lehmphul

ARCHITEKTUR

Metropolenfieber: Entwürfe für St. Petersburg bei Aedes

Eine Eisscholle könnte die Vorlage gewesen sein. Der asymmetrische, massive Block ohne rechte Winkel strahlt leuchtend weiß auf den Plänen für das neue Viertel am Neva-Fluss mitten in St. Petersburg. Es ist das Modell für ein Theater, das der international renommierten Tanz-Kompagnie von Boris Eifmann eine Heimat geben soll. Entworfen hat es das niederländische Büro UNStudio, das damit einen von zwei Architekturwettbewerben für das Petersburger Quartier „Europa-Kai“ gewonnen hat.

Die Entwürfe für das Projekt in der russischen Metropole sind derzeit in der Galerie Aedes am Pfefferberg zu sehen (Christinenstr. 18/19, bis 24. 9., Di - Fr 11 - 18.30 Uhr , Sa, So 13 - 17Uhr). Der erste Wettbewerb bezieht sich auf den Masterplan für das gesamte Quartier mit Wohnhäusern, Geschäften und Hotels. Das Gelände, auf dem sich zu Sowjetzeiten eine ChemieForschungsanlage befunden hatte, lag lange Zeit brach. Jetzt soll es umgenutzt und bebaut werden. Ein Gemeinschaftsprojekt des Petersburger Büros Evgeny Gerasimov sowie Sergei Tchoban aus Berlin ging nun als Sieger aus dem Wettbewerb hervor.

Der Entwurf nimmt die für das gesamte Stadtbild typischen Blöcke und Achsen auf, die sich beispielsweise an der Turmspitze der Peter-und-Paul-Kathedrale orientieren. In der Mitte des neuen Quartiers liegt – einer Skulptur ähnlich – das neue Tanztheater. Für beide Wettbewerbe wurden international bekannte Büros eingeladen, so auch die Norweger Snøhetta oder Jean Nouvel aus Frankreich für das Theaterprojekt. David Chipperfield, Mario Botta, Studio 44 und José Raphael Moneo haben Entwürfe für den Masterplan eingereicht; auch diese werden in der Galerie präsentiert. Vera Pache

VIDEOKUNST

Montagsdemos: Sven Johne im Grenzwachturm Schlesischer Busch

Zwei Männer sitzen sich in einem Studio gegenüber, einer im Halbdunkel, einer im gleißenden Scheinwerferlicht, vor ihm ein Mikrofon. Doch der vermeintliche Zeitzeuge bleibt stumm. Stattdessen schildert der Interviewer, ein US-Amerikaner, emphatisch die Ereignisse des Jahres 1989 in Leipzig, beschwört Bilder und Parolen der Montagsdemonstrationen herauf. Die Rollen sind vertauscht in der Videoarbeit des Künstlers Sven Johne im Grenzwachturm Schlesischer Busch (Am Flutgraben 3, bis 27.9., Do - So 14-19 Uhr). Der Schauspieler Marco Albrecht sitzt anfangs noch in gespannter Erwartungshaltung Chris Woltmann gegenüber. Im Laufe der 23 Minuten rutscht er immer unruhiger hin und her. Mal sieht er genervt oder gelangweilt aus, mal ehrlich bewegt, gequält von den Erinnerungen.

Was daran ist echt, was gespielt? Wie viel sind Wissen und Gefühle wert, wenn sie auf Fotos, Filmen und Büchern basieren, wie im Fall des amerikanischen Interviewers? Am Ende verharrt die Kamera auf dem Gesicht des Zeitzeugen. Tränen rollen, „Tears of the Eyewitness“ – so heißt die Arbeit. Sven Johne, 1976 auf Rügen geboren, hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Fotografie studiert. In der beklemmend künstlichen Laborsituation gelingt ihm eine vielschichtige Analyse, die über das reine Gedenken 20 Jahre nach dem Mauerfall hinausgeht. Er fragt nach der Echtheit und Reproduzierbarkeit von Erinnerung. Fragt: Was ist Geschichte? Anna Pataczek

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