Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

ARCHITEKTUR

Abseits der Pfade: Ein Buch zur Moderne in Deutschland und Polen

Berlin hat Bruno Tauts Hufeisensiedlung, Leipzig den Rundling. Was wie der Name einer Brotsorte klingt, ist eine der ungewöhnlichsten und am wenigsten bekannten Siedlungen des Neuen Bauens. Der Leipziger Stadtbaurat Hubert Ritter entwarf 1930 die in drei konzentrischen Ringen wie eine Kompassrose aufgebaute Wohnsiedlung im Süden der Messestadt. Der Rundling gehört zu den architektonischen Perlen, die der Hamburger Bauhistoriker Gert Kähler im Auftrag der Wüstenrot Stiftung in seinem Architekturführer „Route der Moderne. Architektur 1900-1930“ vorstellt (Jovis Verlag, Berlin 2009, 160 S., zahlreiche Abb., 19,95 Euro).

„Vom Welterbe Breslau zum Welterbe Dessau“ lautet der Untertitel dieses handlichen und ungemein praktischen Buchs. Kähler zeigt, dass sich die klassische Architekturmoderne nicht nur in Metropolen wie Berlin ausgetobt hat, sondern dass die großartigsten Bauten oft ein wenig abseits touristischer Trampelpfade liegen. Wie Hans Scharouns schnittige Villa für den Nudelfabrikanten Schminke im sächsischen Löbau (in der man nach Voranmeldung übernachten kann), oder Hans Poelzigs vom Einsturz bedrohte Textilfabrik Goeritz in Chemnitz. Ein meinungsstark geschriebener Führer zur „anderen Moderne“ in Schlesien und Mitteldeutschland. Vorgestellt werden die Städte Breslau/Wroclaw, Görlitz, Niesky, Löbau, Dresden, Chemnitz, Leipzig, Halle und Dessau. Ein großer Wurf, nicht nur im Bauhausjahr. Michael Zajonz

YOUNG EURO CLASSIC

Kampf der Stille: Die Preisträger von „Jugend musiziert“ im Konzerthaus

Ist es Ermüdung nach 16 Young Euro Classic-Tagen? Als die Preisträger des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ am Abend zur zweiten Runde im Konzerthaus antreten, bleiben ganze Ränge verwaist. Der – im Vergleich zum bisher sehr gut besuchten Festival – dünn besetzte Saal kontrastiert seltsam mit der Fülle des Programms. Johannes Lang setzt einen schwergewichtigen Auftakt an der Orgel mit der Phantasie über BACH von Max Reger und dem rhythmisch vollkommen anders pointierten Finale aus William Albrights „Organbook III“. Später hört man ihn wieder mit einem echten Bach-Stück (Praeludium a-Moll BWV 922) und spürt den Willen, dem etwas eindimensionalen Klang des Cembalos ein Maximum an Ausdruck abzugewinnen.

Solche Schwierigkeiten kennt der 17-jährige Philipp Wollheim an der Violine nicht. Fest, ungestüm, brennend greift er auf Ravels „Tzigane“ zu, während sein Partner Adam Tomaszewski am Klavier deutlich ruhiger ist. So entwickelt sich ein schöner Dialog zwischen den beiden Temperamenten, die umeinander kreisen, sich angleichen, voneinander entfernen. Isoliert steht dagegen Elisabeth Köstner auf der Bühne und im Programm. Mit elektronisch verstärktem zuckrigem Mezzo liefert sie ein Mini-Musical und kämpft tapfer gegen die Stille im Saal an. Ihre Klavierbegleitung Jacqueline Austermann zieht sich erstmal die Schuhe aus, und ist keine echte Hilfe.

Die Bühne füllt sich wieder beim Mondschein-Quartett, das den 5. Satz aus Schostakowitschs Streichquartett Es- Dur sportlich nimmt, und bei dem agilen Chamaeleon-Ensemble, einem Bläser- Quintett plus Klavier mit zwei kontrastierenden Uraufführungen von Steffen Wick, der an der Musikhochschule Stuttgart studiert. Bei „Aero“ malt er schimmernde Klangflächen, während er bei dem schlichteren „Solitude“ die Stimmen deutlich voneinander absetzt.

Insgesamt krankt der Abend an dem Leistungsschau-Syndrom: Trotz beeindruckender Auftritte im Einzelnen wirkt die schiere Addition angestrengt und uninspiriert. Zum Beispiel Jessica und Vanessa Porter: Die beiden Perkussionistinnen zaubern zwar fein aufeinander abgestimmte, glockenartige Klänge aus Vibraphon und Marimbaphon, sind aber mit vier Auftritten überrepräsentiert. Auch der Schluss gehört ihnen. Sie beenden den Abend mit der „Drummerparty“, geschrieben von Vater Michael Porter. Wenigstens da zeigt das Publikum, dass es auch noch da ist. Udo Badelt

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