Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

OPER

Zeit ist Geld: „Fanny und Schraube“ in der Neuköllner Oper

So richtig avantgardistisch ist Kapitalismusschelte ja nicht mehr. Vielleicht tarnt sich die Kammeroper „Fanny & Schraube“ deshalb als Geschichte zweier Großstädter, die über das Geld nur zueinander finden, um schließlich, kathartisch geläutert, in Gefühlsduselei zu verenden. Aufgewärmt wirkt die Uraufführung in der Neuköllner Oper (wieder am 29./30. 8., 3.–6., 9./10., 18./19., 26./27. 9., je 20 Uhr) trotzdem nicht. Ein karges Bühnenbild (Markus Meyer) durchtrennt das Publikum wie auf einem Laufsteg: auf der einen Seite befindet sich die Hamburger Reederei des erfolglosen Mittelständlers Schraube, gegenüber das besetzte Neuköllner Haus der Malerin Fanny. Als Schraube erfährt, dass die Bruchbude ihm gehört und ein russischer Gasmagnat sie für „ekelerregend viel Geld“ kaufen will, weil die Lage plötzlich „in“ sei, strickt sich die Geschichte von selbst: Geld oder Liebe.

Nicht von seiner innovativen Linie lebt das Libretto von Kai-Ivo Baulitz, sondern von den kurzen, wunderbar urban temperierten Dialogen – ein Leben im SMS-Duktus. Der eigentliche Star dieser Produktion aber ist die Musik. Komponist Jan Müller-Wieland versteht es großartig, die dramaturgische Hektik klanglich zu kontrapunktieren. Der Sound ist minimal, lässt Tonalität nur aufblitzen, lebt aber von seiner traditionsorientierten Melodiegestaltung, in der der sachliche Witz Weill’scher Theatermusik neu aufblüht. Leicht ist das nicht immer für das Sängerquartett. Johanna Krumin interpretiert die Fanny dennoch glänzend, weil weitgehend glanzlos, und auch Markus Vollberg singt als Schraubes Sekretär Ignaz einen ekstatisch aufgewühlten Bariton. Clemens Gnad als Schraube kann da nicht immer, Jana Degebrodt als Zewa nur manchmal mithalten. Passend, dass die Aufführung schon nach knackigen siebzig Minuten endet. Zeit ist schließlich auch in der Oper Geld. Erst recht in dieser. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben