Kultur : KURZ & KRITISCH

KLASSIK

Königlich: Potsdam huldigt dem Hofkomponisten Carl Heinrich Graun

„Es ist Teufels-Krop, ich wollte, dass sie der Teufel alle holte“, schäumt Friedrich der Große über seine Hofsänger, die sich partout nicht kommandieren lassen wollen, wie er es von seinen Soldaten gewöhnt ist. „Die Canaillen bezahlet man zum Pläsir, und nicht um Vexirerei von ihnen zu haben!“ Stürmische Worte eines Monarchen, dessen Temperament von Rationalität geprägt ist. Bereits als Kronprinz in Rheinsberg plant er die Zukunft „seiner Oper“. Sein bevorzugter Komponist ist Carl Heinrich Graun, den er bei seiner Thronbesteigung zum Hofkapellmeister ernennt. 27 Opern wird Graun seinem Dienstherrn komponieren, mindestens sechs davon auf königliche Libretti. Obwohl das Gebäude noch ein Rohbau ist, eröffnet Grauns „Cesare e Cleopatra“ das neue Opernhaus Unter den Linden. Vor 250 Jahren ist mitten im Siebenjährigen Krieg gestorben der sorgsame Kompositeur des galanten Berliner Stils, der das Anmutige stets dem Dramatischen vorzog.

Während Jubilar Händel auf unzähligen Bühnen und CDs gefeiert wird, muss man nach einer Graun-Hommage schon suchen. Wunderbar fündig wird man beim Barocken Opernsommer Sanssouci. Im Schlosstheater des Neuen Palais (wieder am 5. und 6. September sowie 17. und 18. Oktober) gibt das auf Alte Musik spezialisierte Opernensemble „I confidenti“ eine „Festa teatrale“ für Graun. Locker aus seinen Werken um Arien für zwei seiner wichtigsten Sänger, Antonio Romani und Giovanna Astrua, gruppiert, zitiert das Ensemble auch die Aufführungstechniken des 18. Jahrhunderts. Abgespreizte Finger, huldvolles Schreiten, wippende Kostüme und gedrechselte Ansagen verbinden sich zu einem augenzwinkernden Blick auf die friderizianische Oper. Und mit Doerthe Maria Sandmann als Astrua hat die „Festa“ auch einen charismatischen Star von packender stimmlicher und darstellerischer Kraft. Wahrlich eine königliche Canaille! Ulrich Amling

KUNST

Heimwärts: Christiane Möbus in der Niedersächsischen Vertretung

Ohne dass sie kinetische Kunst produzierte, spielt Bewegung in Christiane Möbus’ Werk fast immer eine Rolle. Die 1947 in Celle geborene Bildhauerin arbeitet mit Kutschen und Kähnen, Kranichflügeln und Kraftwagen. In der Niedersächsischen Landesvertretung wirft die UdK-Professorin zwei ihrer Gedankenflugmaschinen an – und beweist, dass dafür keine Motoren laufen müssen (In den Ministergärten 10, bis 11.9., Mo-Fr 10-18 Uhr). Dennoch fährt das Frachtschiff „Heimatland“ wirklich, das Möbus 2002 für eine Berliner Außeninstallation nutzte: Eine Videodokumentation zeigt den mit drei Kieshügeln beladenen Kahn auf der Spree. Auf signalroten Ortsschildern steht „Nackte Tatsache“ geschrieben, das ist zugleich der Titel der Arbeit. Der Kies ist „nackt“, seinem Ort entrissen. Die Heimat des Schiffers liegt meistens ebenso fern. In der großen Skulptur „Schneewittchen“ (1994/2007) steckt Landstraßenromantik. Der schwarz lackierten LKW-Zugmaschine mit blinden Scheiben fehlt der Anhänger. Stattdessen hat Möbus eine verwirbelte, von gebogenen Drähten gehaltene dunkle Schleppe aus Schleierstoff angehängt. Das Fahrerhaus will geradewegs auf die Autobahn, das Schleiergewölk strebt dagegen zum Himmel. Schneewittchen zwischen Alltagstrott, Tanz und Trauer. Ein Beispiel für ein Werk, „das metaphernreich eine kritische wie auch poetische Weltsicht zur Anschauung bringt“: So formuliert es die Jury, die Christiane Möbus den Gabriele-Münter-Preis für 2010 zugesprochen hat. Jens Hinrichsen

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