Kultur : KURZ & KRITISCH

COUNTRY

Spielschulden: Hank Williams III im Roadrunners

Das „Fuck“, das auf Hank Williams’ III Gitarre geschrieben steht – eine klare Ansage. Fuck die Grand Ole Opry, die seinen Opa rausgeworfen hatte, weil er besoffen auftreten wollte. Fuck die Nashville-Industrie mit ihrem normierten Sound. Fuck erst recht das Label Curb Records, das die Platte „This Ain’t Country“ sabotierte. Mit der Energie eines Mannes, der wenig zu verlieren hat, aber viel zu geben, steht der Enkel von Hank Williams (Country-Legende, Tod durch Alkoholismus), der Sohn von Hank Williams Jr. (Country-Legende, Alkoholismus) auf der Bühne des ausverkauften Roadrunners und haut leicht verlegen und mit arbeitenden Kieferknochen in die Saiten.

Seine schmelzende Stimme, wirkt noch schmelzender, weil neben ihm Gary Lindsey von der Metal-Band AssJack ins Mikrofon röhrt. Ein genialer Coup des wachsweißen Hank the third, der drei komplette Sets hintereinander spielt, ohne Pause zu machen oder gar zu lächeln: das Country-Set (Cowboy-Hut), das Hellbilly-Set (Trucker-Cap) und schließlich – vor einem ausgedünnt-euphorischen Publikum – ein Hardcore-Trashmetal-Set (fliegendes Blondhaar).

Das alles könnte wahllos zusammengewürfelt wirken, tut es aber nicht: Pedal Steel und Metal passen zusammen wie Gott und Satan. Hank III und Gary Lindsey entwickeln zusammen einen derart unfassbaren Sog, dass selbst der Mann am Banjo ehrfurchtsvoll zu seinen Alphamännern herüberschaut, so, als könne er nicht glauben, was für einen massiven Sound er gerade mitproduziert. Ein Geschenk, dass der Rebell Hank III sich nicht für ein sortenreines Genre entscheiden will. Er verspielt mit Songs wie „Trashville“, „The Grand Ole Opry (Ain’t So Grand)“ und „I’ll Never Get Out Of This World Alive“ sehenden Auges ein großes Erbe, und als er mit „Eat Fuck Kill“ schließt, ist das Publikum zu schwach für einen Schlussapplaus. Ein sauerstoffloser, grandioser, unvergesslicher Abend in einer Wolke aus Schweiß und Jack Daniels. Aber wo bleibt Hank Williams IV? Hell yeah. Esther Kogelboom

CHANSON

Lebenslieder: Hanna Schygulla in der Bar jeder Vernunft

Die Stimme aus dem Dunkeln haucht mehr, als dass sie singt: „Es schläft ein Lied in allen Dingen“ träumt sie mit Eichendorff. Dann tritt Hanna Schygulla ins Bühnenlicht, die hellen Haare immer noch ein bisschen Vogelnest, der lange rote Schal ein Wink mit ungebrochener Lebensfreude. Die beweist die 65-Jährige in ihrem neuen Programm „Aus meinem Leben – eine musikalische Biographie“ (bis 6.9., Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24) durchgängig. Sie beginnt mit den ersten Kinderliedern, im Sprech- Hauch-Gesang folgen die Schulzeit in München („Summertime“), das Au-Pair- Jahr in Paris („La vie en rose“) und die von Brecht-Liedern geprägte Studienzeit in München. Damals lernt die 20- Jährige auf der Schauspielschule Rainer Werner Fassbinder kennen, mit dem sie zahlreiche Filme drehen wird.

Sehr viel Gewicht räumt sie der engen Beziehung zu dem 1982 verstorbenen Regisseur in ihrem Programm nicht ein. „Auf den Fotos von damals habe ich immer so traurige Augen – vielleicht, weil ich tief in mir nach etwas anderem suchte?“ fragt sie. Vielleicht ist Schygulla es heute auch ein wenig leid, die ewige „Petra von Kant“ (1972) zu sein und singt und erzählt daher lieber von den Dreharbeiten mit García Márquez und der Freundschaft zu Maria Bethânia. Sie bringt viele kleine persönliche Anekdoten, mal melancholisch, mal voller Mutterwitz. Ein Hauch Darstellungskunst durchzieht die Selbstironie und den unterhaltsamen Abend – Schygulla kann ihre Liebe zur Schauspielerei auch als Sängerin nicht verleugnen. Eva Kalwa

PUPPENTHEATER

Maulwurf-Katastrophen: René Marik im Tipi

Da steht er: Don Mercedes Moped, wie sich René Marik nennt. Und er hat sich wieder schick gemacht, der Diplompuppenspieler, der aus der Provinz kam, über Theaterbühnen ging und sich via Youtube im Eiltempo auf der Bekanntheitsskala nach oben katapultierte. Mit lasziv aufgeknöpftem Hemd und Pomade im Haar präsentiert Marik sein neues Programm „KasperPOP“ im Tipi am Kanzleramt und stellt eines klar: Beichtstuhl war gestern. Der Berliner offenbart sich in seiner Hasskasper-Box, gut getarnt hinter der jüngst erfundenen Handpuppe, dem schlechtgelaunten Glatzenkasper, der den angestammten Handpuppen-Tierpark ergänzt. Der Berliner meckert über die Yuppies in Friedrichshain, beschwert sich über mangelnde körperliche Aufmerksamkeit und beschimpft die ständig wachsenden Speckrollen, kurz: die Katastrophen des Alltags (wieder heute und morgen sowie am 9. und 16.11., 7. und 14.12. im Tipi; in der Bar jeder Vernunft vom 8. bis 13.9.).

Die daraus hervorgegangenen Videosequenzen ergänzen Mariks erfolgreich schief gesungene Schmachtsongs und seinen Handpuppen-Tierpark, bestehend des weiteren aus Eisbär Kalle, dem Frosch Herrn Falkenhorst und „Maulwurfn“. Letzterer hat ein wenig ausgeprägtes Sprachzentrum und kein Glück in der Liebe. Zaubersprüche à la „Abekadabe, ich wünsch mir die Babe!“ bleiben erfolglos, die Barbie hinterlässt dem Blinden lediglich eine olfaktorische Erinnerung. Das Publikum hat eindeutig Mitleid mit ihm und lässt sich zu einem bedauernden „Ooohhh“ hinreißen, und es hält den Atem an, wenn Herrn Falkenhorst der Küchenmesser-Tod ereilt. Dass Herr Falkenhorst in der nächsten Show aufersteht, ist ihm unbedingt zu wünschen. Zu viel Lebendigkeit steckt in dieser grünen Stoffpuppe. Juliane Primus

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