Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Klangexplosionen: Philippe Jordan und die Staatskapelle Berlin

Männer und Frauen passen nicht zusammen. Klavier und Geige auch nicht. Und schon gar nicht die Komponisten György Ligeti und Richard Strauss: Filigran und immer dem Allerneuesten auf der Spur der eine, bombastisch und retrospektiv der andere. Weit gefehlt! Wenn Philippe Jordan die Anfangsklänge der Strauss’- schen „Alpensinfonie“ zelebriert, ein aus dem Nichts aufsteigendes Wogen und Raunen, dann erscheint das gar nicht so weit entfernt von den flirrenden Bewegungen aus Ligetis Violinkonzert. Furchtlos reizt Jordan mit der Staatskapelle Berlin das klanggewaltige Pathos der „Alpensinfonie“ aus, schafft spannenden Zusammenhalt, entwirft plastische Bilder von eisblitzenden Gletschern, Gipfeln und Gewitterstürmen und schlägt aus dem „deutschen Klang“ des Orchesters dunkelglühende Funken.

Wie Strauss schöpft auch Ligeti alle Möglichkeiten seines Instrumentariums aus. Dass er für den Orchesterpart seines 1990 uraufgeführten Violinkonzerts nur 23 Musiker benötigt, merkt man seiner rauschhaften Farbigkeit nicht an. Da explodiert die Philharmonie vor Klang. Patricia Kopatchinskaja, barfuß herumtänzelnd, spielt als Solistin einzelne Orchesterkollegen offensiv an und stößt erstaunte (allerdings partiturgerechte) Ausrufe aus. Völlig ungezwungen entfaltet hier Neue Musik ihre Unmittelbarkeit und Unterhaltsamkeit, ein Kinderspiel der Experimentierlust und Kreativität. Nach zwei Ligeti-Zugaben – ironisch aufgepeppter Folklore einerseits sowie einer glissando- und pizzikatogespickten Irrwitzigkeit andererseits – ist schwer zu entscheiden, wer mehr Beifall erntet: Ligeti oder Strauss. Isabel Herzfeld

FOTOGRAFIE

Bonbon trifft Jalousie:

Kekarainen in der Villa Oppenheim

Eine Armbanduhr, ein roter Pullover, ein Leberfleck – mehr bleibt nicht zurück von der flüchtigen Begegnung mit den Menschen, die Pertti Kekarainen in seinen Bildern einfängt. Sie scheinen vor der Kamera des bedeutenden Vertreters der Helsinki School of Art zu flüchten und hinterlassen gesichtslose Umrisse vor weißem Hintergrund. Alles verschmilzt mit den hellen Ausstellungswänden der Villa Oppenheim in Charlottenburg (Schloßstr. 55, bis 1. 11.; Di–Fr 10–17, So 11–17 Uhr). Der Raum gewinnt eine neue Dimension. Was ist Bild, was ist Galerie? Die Illusion wird dadurch verstärkt, dass die großformatigen Werke der „Tila“-Serie nur wenige Zentimeter über dem Boden hängen. Das finnische Wort Tila heißt Traum, Platz, Raum, aber auch Geisteszustand und Gefühlslage. Es ist ein Wort aus der Heimat Kekarainens, der vor 44 Jahren in der finnischen Stadt Oulu geboren wurde und dessen Werke zuletzt auf der Prague Biennale und der Art Basel zu sehen waren. Bei der Erforschung aller Dimensionen von Tila überschreitet Kekarainen Grenzen. Seine Aufnahmen entstehen an Übergängen, Türen und Fenstern; sie verbinden Innen- und Außenräume, Malerei und Fotografie. Die unvermutet im Bild auftauchenden Farbpunkte wirken geradezu plastisch. Darin zeigt sich die Herkunft des Fotokünstlers, der an der Kunstakademie in Helsinki Malerei und Bildhauerei studiert hat. In seinen Werken trifft steriles Weiß auf Bonbonrosa, harte Linien begegnen unscharfen Rundungen. Kekarainen manipuliert seine Fotografien mit ungewöhnlich langen Belichtungszeiten, so dass der Betrachter die Orientierung verliert. Er suggeriert, Geheimnisse zu lüften, stattdessen schafft er diese erst. Jalousien in den Fenstern versperren die Sicht, Türen verschließen den Raum. Juliane Primus

FOTOGRAFIE

Geheimes Leben der Dinge:

Ricarda Roggan im Bundestag

Beunruhigend wirken sie, diese lädierten Autos. Das Metall eingedrückt wie ein alter Karton, mit Staub bedeckt, wartend. In einem namenlosen Raum, der kaum als solcher erkennbar ist, schälen sie sich aus der Dunkelheit, von musealem Deckenlicht erhellt. Ausrangierte Unfallautos setzt Ricarda Roggan in ihrer Serie „Garage“ in Szene, die gemeinsam mit anderen Werkzyklen als erste Bilanz ihres fotografischen Schaffens ausgestellt ist (Kunst-Raum im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Schiffbauerdamm, bis 10. 1., Di–So 11–17 Uhr). Ein wenig lassen die Karossen an den automobilen Dämon aus den Büchern von Stephen King denken. Sie scheinen ein Eigenleben zu besitzen, das jeden Moment erwachen könnte.

In ihren Bildern arrangiert Roggan abgenutzte Alltagsdinge. Wie auf Bühnen gestellt, werden sie zu surrealen Stillleben, die zwar präzise abgelichtet sind, aber mehr ahnen lassen als zeigen. Die Großformate erlauben ein Eintauchen in diese bizarren Welten und Orte. Der Betrachter meint tatsächlich in den fremdartig blankpolierten Dachkammern der Fotoserie „Attika“ zu stehen oder wähnt sich in „Baumstück“ einem undurchdringlichen Dickicht aus wispernden Nadelbäumen gegenüber. Roggans Bilder sind ein bisschen wie der dunkle Kleiderschrank aus Kindertagen, in dem sich alles verbarg, was man selbst imaginierte. Das macht sie so spannend. Die Präsentation an diesem wichtigen Ort politischen Geschehens funktioniert gut und lässt Aktualität in die Bilder fließen. Der Gedanke an die Abwrackprämie drängt sich förmlich auf. Jenny Becker

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