Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Udo Badelt

KLASSIK

Alles ist erleuchtet: Der Chor

der Deutschen Oper Berlin

Der Mann war schnell: William Spaulding begann seine Arbeit als Leiter des Chores der Deutschen Oper 2007 und formte in kurzer Zeit ein Ensemble, das die Kritiker der Zeitschrift „Opernwelt“ 2008 zum „Chor des Jahres“ wählten. Am Donnerstag kann man beim Konzert des Chores hören, dass es eine berechtigte Entscheidung war. Überzeugend sind vor allem die feinen dynamischen Differenzierungen, die Kunst der bruchlosen Brüche: In Brahms’ Liebeslieder- Walzern bringt der Chor unterschiedliche Temperamente zum Leuchten, ist einfühlsam oder zornig, hält plötzlich inne, um einen Wimpernschlag später mit stark vermindertem Volumen, aber gleicher Beseelung die Lieder unendlich langsam verdämmernd zu Ende zu bringen. Ganz anders dann die drei lateinischen „Gesänge aus der Gefangenschaft“ von Luigi Dallapiccola, komponiert 1941 in der Haft. Zum Klavier gesellt sich jetzt ein ausgeklügeltes Schlagwerk, langsam schält sich eine gebrochene Melodie heraus, wächst sich aus zu einer gigantischen Klage und fällt wieder in monotone Einstimmigkeit zurück – eine komponierte Wunde, die der Chor eindrücklich in Musik verwandelt.

Die Zigeunerlieder, ebenfalls von Brahms, wollen danach allerdings in ihrer Unbeschwertheit nicht recht zu Dallapiccolas Verzweiflungsklängen passen. Aber auch hier beeindruckt der elegant und flexibel geformte Stimmstrom des Chores. Eine Pause gibt es bei diesem Konzert nicht – Spaulding ist eben kein Mann, der viel Zeit verliert. Udo Badelt

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