Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Ungepudert: Die Lautten Compagney in der Elisabethkirche

Schwer zu sagen, wer bei diesem Konzert mit dem offenen Denkmal gemeint war: Schinkels Elisabethkirche mit dem instandgesetzten Charme ihres Inneren oder vielleicht doch das Archiv der Singakademie zu Berlin? Wie dem auch sei: Dass sich das musikalische Denkmal als ebenso zugänglich präsentierte wie sein architektonischer Gegenpart, dafür sorgten der Kammerchor der Singakademie und die Lautten Compagney unter der Leitung von Wolfgang Katschner mit einem bezaubernden Werkstattkonzert ihrer Reihe „Ripieno“.

Nach einer offenen Probe, in denen die Musiker in den wiederentdeckten Schätzen des Archivs wühlten, schloss sich eine Präsentation an, bei der das Programm mittels eines Glücksrades ermittelt wurde. So viel Spontaneität kann sich nur leisten, wer sowohl bezüglich der eigenen Technik wie auch des vorhandenen Materials aus dem Vollen schöpfen kann. Besonders beeindruckten Werke der vernachlässigten diesjährigen Jubilare der Berliner Klassik. So etwa die Kantate „Hat die Schönheit kein Erbarmen“ des 1759 gestorbenen Carl Heinrich Graun. Deren frische Synkopen wurden von der Sopranistin Gesine Nowakowski so gekonnt in Schwingung gebracht, dass man ahnte, wie gerne sich das junge Preußen vom Frühlingshauch dieser Musik den Puder von den barocken Perücken pusten ließ.

Erst recht beeindruckte die Kammermusik von Franz Benda. Unter Denkmalschutz wird man den vor 300 Jahren geborenen preußischen Konzertmeister nicht setzen müssen. Schon das originelle Eröffnungsrezitativ seiner Geigensonate in A-Dur und der tief empfundene langsame Satz seiner Bratschensonate in c-Moll zeigen: mit Ausdruck gespielt, wirft sich das „Originalgenie“ aus Böhmen seinen Hörern von alleine an den Hals. Carsten Niemann

KUNST

Überbelichtet: Keith Sonnier in der Galerie El Sourdog Hex

Alles ist erleuchtet in der Ausstellung des amerikanischen Künstlers Keith Sonnier. El Sourdog Hex, der Showroom des Sammlers Reinhard Onnasch, zeigt zwei frühe Arbeiten von Sonnier aus den Jahren 1969-70 (Zimmerstraße 77, bis 17. Oktober, Di-Sa 11-18 Uhr). Flutlichter werfen gleißende Strahlen auf eine Spiegelwand, die in der gegenüberliegenden Spiegelwand reflektiert werden. Die Besucher müssen die Skulptur betreten, sich fluten lassen von der aggressiven Helligkeit. Sie sehen sich vervielfältigt und werden Teil des Raumes. Als einen „Unendlichkeitskanal“ hat Keith Sonnier diese Installationen bezeichnet. Das Licht brennt sich in die Sinne und prägt Nachbilder ins Gehirn ein.

Sonnier, der als Maler begonnen hat, versteht Licht als Möglichkeit, neue Räume zu schaffen. Er sucht in der Reflektion der Strahlen die vierte Dimension und fühlt sich darin Mark Rothko verbunden. Vor sechs Jahren hat der Künstler in eleganter Finesse die Neue Nationalgalerie mit farbigen Lichtbahnen umhüllt. In den frühen Arbeiten operiert er noch mit schwerem Gerät, um ephemere Erscheinungen zu erzeugen. Armdicke Kabel, massige Scheinwerfer und ein wummernder Transformator – Sonnier drehte voll auf.

Schade, dass die zweite Arbeit bei El Sourdog Hex so ungünstig platziert ist. Die reflektierende Platte wirkt wie eine Lichtschleuse durch die steinerne Wand. Sie erinnert an Jean Cocteaus Film „Orpheus“, in dem ein Spiegel in die Welt der Schatten führt. Hier aber ist auch die Straße vor dem Galeriefenster zu sehen. Ihr Bild kappt die Beziehung zwischen Betrachter und Kunst. Da purzelt das Erhabene entzaubert von der Wand.Simone Reber

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