Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

MUSIKFEST

Schimmernder Wohlklang:

Gergiev dirigiert Schostakowitsch

Es sei an der Zeit, Schostakowitsch als Klassiker zu entdecken, erklärte Valery Gergiev vor kurzem im Tagesspiegel. Zu lange habe man in den Sinfonien vor allem Hitler und Stalin gehört, dabei seien sie vor allem wunderschöne lyrische Musik. Eine provokante These, die beim Musikfest dadurch zugespitzt wird, dass Russlands bekanntester Dirigent sie ausgerechnet mit der elften Sinfonie untermauern will. Die 1957 uraufgeführte Elfte ist die illustrativste von allen Sinfonien Schostakowitschs. Allein durch ihren Titel „Das Jahr 1905“ und Satzüberschriften wie „9. Januar“ oder „Sturmglocke“ scheint sie auf den konkreten musikalischen Bedeutungshorizont dieser ersten russischen Revolution festgelegt. Davon ist in der Philharmonie kaum etwas zu spüren. Um das Stück zum Klassiker zu adeln, deckt Gergiev es mit Blattgold zu. Der wohlige Streicherschimmer des London Symphony Orchestra verwandelt die lastende Stimmung des „Schlossplatz“-Satzes in ein konfliktfreies Idyll. Auch der Einsatz der Kosaken, die im „9. Januar“ das demonstrierende Volk niedermetzeln, klingt eher schmissig als bestürzend: ein „Säbeltanz“ à la Schostakowitsch. Zu unverbindlich ist der Klang. Ein echter Klassiker braucht ein tieferes Fundament, um der Gefahr des schleichenden Bedeutungsverlusts zu widerstehen.

Kaum mehr als eine Fußnote ist das Cellokonzert des 1939 geborenen Schostakowitsch-Schülers Boris Tistschenko, mit dem Gergiev sein Programm auf Abendlänge bringt. Unentschieden navigiert das Opus zwischen peinvollem Seelengesang und volksliedhaften Anklängen. Weder die sämige Instrumentierung durch Schostakowitsch selbst noch das redliche Spiel des LSO-Solocellisten Tim Hugh ändern viel daran. Jörg Königsdorf

LITERATURFESTIVAL

Im Zentrum der Macht: Der

Jugendroman „Ich und die Kanzlerin“

Das passt: So kurz vor der Wahl, das Duell der Kanzlerkandidaten noch ganz präsent, stellte Martin Baltscheit am Montag sein neuestes Buch „Ich und die Kanzlerin“ auf dem Internationalen Literaturfestival vor (wieder heute 9 Uhr im Haus der Berliner Festspiele). Zu Gast waren die ehemalige Parlamentspräsidentin Rita Süssmuth und rund 100 Zehnt- bis Zwölftklässler, die im Anschluss an die Lesung über Politik diskutieren sollten. Er habe ein bisschen rumspinnen wollen, so Baltscheit, als er die 14-jährige Jasmin Behringer erfand und sie ein – eigentlich nicht mögliches – Praktikum im Bundeskanzleramt machen ließ. Und die Lust auf Politik habe er bei den jugendlichen Lesern wecken wollen. Doch so richtig funktioniert Baltscheits Konzept nicht. Mit Anekdoten und Parteiwerbung füllte Rita Süssmuth Lücken des Schweigens. Auf den 110 Seiten des im Boje-Verlag erschienen Buches gibt es zu wenig Stoff und zu viel betonte Lustigkeit für eine ernsthafte Debatte: Jasmin darf Pressemappen zusammenstellen, im Kanzleramt Fahrstuhl fahren und einen Scheich empfangen. Weder wird sie von Zukunftsängsten geplagt noch fragt sie sich, wofür die Parteien stehen. Bis auf den Mindestlohn hat das Mädchen kaum Themen, über die sie der Autor nachdenken lässt. Kritische Fragen zur Bildungspolitik an die Kanzlerin und ihre Berater? Fehlanzeige. Juliane Primus

KUNST

Pfeile zu Duchamp:

Bethan Huws in der Daad-Galerie

Marcel Duchamp kaufte 1917 ein handelsübliches Urinal, signierte es mit „R. Mutt“ und nannte es „Fountain“. Heute gilt er damit als Vordenker der Konzeptkunst. Auch für die Künstlerin Bethan Huws. Die Galerie des Daad, dessen Gast die Waliserin 2007 war, zeigt ihren Film mit demselben Titel, obwohl es um ein anderes, Duchamps letztes Werk geht: „Etant donnés“ (bis 17.10., Zimmerstraße 90/91, Mo–Sa 11–18 Uhr). Bezeichnung und Bezeichnetes müssen – wie bei Duchamp – nicht übereinstimmen, tun es bei Huws auf komplexe Weise aber doch. Der Film zeigt plätschernde Brunnen in Rom. Dazu spricht Huws einen poetisch-programmatischen Text, eine Anleitung, wie „Etant donnés“ zu interpretieren sei – nämlich mithilfe von neun französischen Redewendungen, die sie in Duchamps Werk verarbeitet sieht.

Dicht beschriebene Zettel mit Pfeilen und Skizzen, die im Nebenraum aushängen, dokumentieren, wie intensiv sich die in Paris lebende Künstlerin mit den Theorien des Franzosen auseinandergesetzt hat. Bethan Huws treibt, wie so oft in ihren Objekten, Video- und Textarbeiten, ein Spiel mit Wörtern, mit übertragener und wörtlicher Bedeutung, knüpft Beziehungen zwischen ihren Assoziationen – Mechanismen der Konzeptkunst.

Bethan Huws arbeitet nicht kunsthistorisch-wissenschaftlich, sondern schafft ein eigenes hermetisches Werk über das hermetische Werk eines anderen. Die Konsequenz, mit der sie ihre Gedanken vorantreibt, lässt sich nur erahnen und fasziniert. Genauso wie der Mut, sich als Künstlerin in das Werk eines anderen – großen – Künstlers ganz und gar zu versenken. Die Welt Duchamps, des Erfinder des Ready-Made, ist für Bethan Huws ein einziges Ready-Made, mit dem sie arbeitet. Anna Pataczek

LITERATURFESTIVAL

Auf nach Wandernburgo: Ein Reiseroman von Andrés Neuman

Erst 32 Jahre jung, gehört der in Spanien lebende Schriftsteller Andrés Neuman zu den vielversprechenden Talenten der spanischsprachigen Literaturszene. Im März erhielt er für seinen Roman „Der Reisende des Jahrhunderts“ den Alfaguara-Preis, einen der renommiertesten Literaturpreise des Landes. Im Rahmen des Literaturfestivals las er aus seinem Buch, das im Deutschland des 19. Jahrhunderts im fiktiven Ort Wandernburgo, südlich von Berlin, spielt. Der Roman ist eine Hommage an die meist von Frauen betriebenen literarischen Salons, aber auch eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Problemen der Zeit.

Der gebürtige Argentinier spricht von seiner Liebe zur deutschen Kultur und zeigt sich begeistert von der Romantik. Allerdings betont er, dass es sich nicht um einen historischen Roman handelt. Zwar ginge es um eine Beschreibung des 19. Jahrhunderts, jedoch mit den Werkzeugen der modernen Literatur. So ließen bereits die wenigen Textauszüge kunstvolle Brüche im historischen Ambiente ahnen. Die Beschreibung einer Liebesszene gerät zur radikalen und doch poetischen Bestandsaufnahme von körperlichen Unzulänglichkeiten. Der vielversprechende Roman liegt verschiedenen Verlagen vor. Bis zur Frankfurter Buchmesse 2010, deren Schwerpunkt Argentinien ist, wird er hoffentlich erschienen sein. Jenny Becker

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