Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Hart wie Bimsstein: The Jesus Lizard im Festsaal Kreuzberg

Das Biest ist zurück: The Jesus Lizard haben nochmal Blut geleckt und sind in Originalbesetzung für ein exklusives Deutschlandkonzert nach Berlin gekommen. Im Festsaal Kreuzberg wartet die hiesige Fangemeinde, um zu überprüfen, ob die Noise-Rock-Veteranen aus Chicago nach zehnjähriger Auszeit noch mit alter Kraft ihren Kopf-Gegen-die-Wand- Terror praktizieren, der vor allem von der Tobsucht ihres Sängers David Yow lebt. Keinen Augenblick reduziert der Mann die Intensität seines Auftritts. Angetrieben von einer Paranoia, die Jello Biafra vor Neid ergrünen lassen müsste, rollt er die Augäpfel, grient schelmisch ins Publikum und faucht wie ein tasmanischer Teufel über diverse Gemeinheiten am Tresen des Lebens.

Die alten Wunden werden mit ruheloser Kreischgitarre, Knallbass und Klopperschlagzeug in fundamentalen Lärm gegossen, hinter dem es trotz aller Härte ganz wunderbar swingt. Mit ihren dissonanten Riff-Attacken und präzisen Breaks halten Klassiker wie „Puss“, „Gladiator“ oder „Seasick“ die perfekte Balance aus schwerem Blues-Taumel und grundsolider Pogowut.

Hart wie Bimsstein, aber auch reinigend wie eine kathartische Free-Jazz-Orgie, machen The Jesus Lizard verstörende Psycho-Musik, die sich bleischwer aus einer geil brodelnden Brühe erhebt und dann mit der Vitalität eines Amokläufers auf das Publikum losgeht. Während die Band auf der Bühne durch dunkle Löcher rumpelt, das es nur so eine Freude an der blutigen Verzweiflung ist, springt ihr verrückter Sänger immer wieder mit nacktem Oberkörper ins Publikum, das ihm bereits beim ersten Song aus purer Begeisterung das Shirt zerrissen hat. Da kommt Stimmung auf, und selbige steigt, wenn das Auge des Pogo-Sturms den Menschen quer durch den Saal trägt.

Volker Lüke

KLASSIK

Wenn der Hirsch schreit: Der Rias-Kammerchor mit Mendelssohn

„Wenn du einen Künstler engagierst“, so schrieb Kurt Tucholsky in seinen „Zehn Geboten für einen Geschäftsmann, der einen Künstler engagiert“, dann „halte ihm täglich fremde Arbeiten vor die Nase und fordere ihn, in anerkennenden Worten für den andern, auf, dergleichen ,auch mal’ zu machen. Das ermuntert ungemein.“ Vielleicht hätte sich die Internationale Bachakademie Stuttgart diesen Ratschlag zu Herzen nehmen sollen – denn dann hätte sie vielleicht die Idee überdacht, junge Komponisten damit zu beauftragen, Parallelvertonungen zu Mendelssohns großen Psalmvertonungen für Solisten, Chor und Orchester anzufertigen. Zwei Ergebnisse dieser Aufgabenstellung konnte das Publikum am Dienstag im Konzert des Rias Kammerchors und des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann erleben.

Natürlich setzen Joseph Phibbs’ in seinem brillant instrumentierten Psalm 98 und Victoria Borisova-Ollas in ihrem Hollywood-affinen „Wie der Hirsch schreit“ kleine Fragezeichen gegen das alttestamentalische Pathos der Texte: Ein nettes Detail ist etwa, wie Phibbs Trompeten- und Posaunengetöse ausgerechnet durch die Streicher imitiert. Den Mut, in Fragen der Besetzung oder gar des Inhalts echte Gretchenfragen zu stellen, haben beide Künstler jedoch nicht – und so übersteigt der Reiz ihrer Werke nicht den von Kirchentagskompositionen, die nur für einen klar begrenzten Teil der Gesellschaft genießbar sind.

Schade, dass auch Rademann selbst in Mendelssohns Originalen die letzte dramatische Zuspitzung scheut – und so ist es wieder einmal die pure, sensationelle Klangschönheit des Chores, die den Abend trotz allem zum Gewinn macht. Carsten Niemann

LITERATURFESTIVAL

Bunt wie Regenschirme:

Nadine Toumas Bilderbücher

Wieso? Weshalb? Warum? Dass es nicht schadet, Erwachsenen Löcher in den Bauch zu fragen, ist spätestens seit dem Titellied der Sesamstraße bekannt. Die libanesische Autorin und Illustratorin Nadine Touma dreht mit ihrem Bilderbuch „Ist das ein Passfoto?“ den Spieß um und stellt Kindern Fragen: Ist ein Berg der Hals einer Landschaft? Wieso keimen Kirschkerne nicht in meinem Bauch? Beschreiben Tränen das Tal der Traurigkeit? Mit comichaften Illustrationen hat Touma die Buchseiten bebildert: Da gibt es ein Gebirge, auf dem spitze Bäume und runde Büsche wachsen, es ist eine Landschaft, die sich auf den zweiten Blick als Menschenhals entpuppt, die Schultern erheben sich zu einem Massiv, der Gipfel ist ein Kinn. Bewaffnete Schmetterlinge flattern umher wie Angst im Bauch. Die Zeichnungen wirken trotz der fehlenden Kolorierung so bunt, dass die Kinder bei der Lesung auf dem Internationalen Literaturfestival von „bunten Regenschirmen“ sprechen. Touma, die heute in Beirut lebt und in den USA Kunst studierte, zieht sie in den Strudel ihrer Phantasie, entführt in ihre arabische Welt.

Dort, in einem großen weiten Tal, dem Bekaa-Tal, ist die Autorin und Illustratorin aufgewachsen. Dort hat ihr die Großmutter Märchen vom Mond erzählt, die sie nie vergessen konnte. In dem Märchenbilderbuch „Sieben & 7“ erzählt Touma die Geschichte vom Mond, der verschwindet, und mit ihm die Geschichten. Vier Mäuse, das schnellste Pferd weit und breit, ein Spinne – alle helfen dabei, ihn zu finden. In dieser Welt leuchten die Farben nicht nur mithilfe der Vorstellungskraft. Auf dem Papier funkeln sie wie eine von der Sonne angestrahlte Qualle in den Tiefen des Meeres.

Morgen wird die 36-Jährige sich und ihren panarabischen Verlag beim Literarischen Nachtsalon (19 Uhr, Weinmeisterstraße 15) noch einmal vorstellen. Eine einmalige Chance, bisher ist keines ihrer Bücher auf Deutsch erschienen. Juliane Primus

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