Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Christiane PeitzD

MUSIKFEST

Lava glüht: Metzmacher dirigiert

Xenakis und Eisler

Politik nach Noten: Der Seitenblick auf Eislers Deutsche Sinfonie passt gut zum Schostakowitsch-Schwerpunkt des Musikfests, zu Fragen nach Bekenntniswerken und Dissidenz. Handelt es sich doch um ein Oratorium nach Texten von Brecht und Ignazio Silone; Hanns Eisler komponierte das elfteilige Mammutwerk von 1935 bis 1947, auf seiner langen Odyssee durch Europa und Amerika.

Ingo Metzmacher, der sich schon 2007 in der Reihe „Von deutscher Seele“ für Eisler stark machte, packt die antifaschistisch-klassenkämpferische Komposition in der Philharmonie ebenso unerschrocken an wie das Deutsche Symphonie Orchester, der Rundfunkchor, die Solisten Christa Mayer, Matthias Goerne und Thorsten Grümbel. Trompetenfanfaren rufen zur kollektiven Empörung, die Litanei der Geknechteten, die Passacaglia für die KZ-Insassen, Arbeiter- und Bauernkantaten – jeder Ton heischt Solidarität. Das Pathos des Protests, die Uniformierung der Zwölftonreihen berühren unangenehm: Auch wer protestiert, marschiert. Der Einzelne und die Masse? Die Frage des Abends wird auf beklemmende Weise beantwortet. Wenn die Masse im Namen des Einzelnen spricht, macht sie jeden individuellen Ausdruck zunichte.

Begonnen hatte es mit einer von Metzmacher und dem DSO grandios vorgetragenen Erschütterung, mit Iannis Xenakis’ 15-Minuten-Orchesterstück „Jonchaies“ von 1977 (jonchaies wie Schilfrohr), einer gewaltigen Klangmassenkomposition für 110 Musiker. Das engmaschige Fortissimo-Flechtwerk wird in den polyrhythmischen Teilchenbeschleuniger bugsiert und mündet in irrwitzig vibrierendes Stimmengewirr mit unerbittlichem Schlagwerk, elefantösen Hörnerrufen und bizarren Clownerien der gestopften Posaune. Die Erde rumort, Lava glüht, der Kosmos explodiert. Xenakis, der griechische Exilant, bringt den Gewaltexzess seines Jahrhunderts zu Gehör. Darin steckt mehr Protest als in Eislers Agitprop. Und Regers trauerumflorte Tondichtung nach Böcklins „Toteninsel“ verblasst vollends.Christiane Peitz

KLASSIK

Schattenspiel: eine Mini-Oper von Schostakowitsch im Konzerthaus

Wenn das Werk großer Komponisten sich durch ambivalente Deutbarkeit auszeichnet, dann ist dieser Abend wohl ein Paradebeispiel dafür. Während beim Musikfest der Diskurs über Dmitri Schostakowitschs Klassizität, über musikalische Entpolitisierung anhält, entwirft „Das Märchen vom Popen und seinem Knecht Balda“ im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses ein gänzlich anderes, vom außermusikalischen Weltgeschehen schwer zu trennendes Schostakowitsch-Bild.

Den gleichnamigen Animationsfilm hat der Komponist 1933/34 so akribisch vertont, dass er selbst nicht von Filmmusik, sondern von einer „kleinen Oper“ sprach. Die Produktion von Jens Schubbe greift das Werk in Form eines minimalistischen Schattentheaters auf. Kulissen werden nur angedeutet, die Figuren – Symbolfiguren zivilisatorischer Abgründe – werden entsprechend konturlos gezeigt. Sie sind keine individuellen Charaktere, sondern eher gesellschaftliche Stereotype.

Die spärliche Ikonografie lässt vor allem der Musik stets genügend Raum. Diesen füllen die Sänger des Lindenquintetts und das Modern Art Ensemble unter der Leitung von Vladimir Stoupel mit Bedacht. Wenn Schostakowitschs Musik folkloristische Vorbilder pervertiert, um gesellschaftliche Normen zu kritisieren, dann klingt das bei Stoupel nicht plakativ, sondern wie ein subtiles Anecken unter dem Deckmantel musikalischer Konventionen. Für die Sänger ist das ein schmaler Grat, auf dem Lars Grünwoldt sich unter den Solisten am sichersten bewegt. Auch farblich sticht sein Bariton neben Gudrun Sidonie Ottos zartem Sopran aus einem mitunter etwas blassen Vokalensemble heraus. Daniel Wixforth

Wieder am heutigen Sonnabend, 20 Uhr, und am Sonntag, 15.30 Uhr

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