Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

MUSIKFEST

Trotzig: Die Bamberger Symphoniker

mit Haydn, Nono, Schostakowitsch

Ausgesprochen amerikanisch spielen die Bamberger Symphoniker Haydn und Schostakowitsch. Klar strukturiert, brillant timbriert, mit energischem Zugriff: Yes, we can. Aber bei aller Feinmotorik bleibt Haydns „Trauer“-Sinfonie Nr. 44 doch spannungslos. Jede Bewegung wird von Jonathan Nott in der Philharmonie abgezirkelt: Den schnellen Umschlag vom Aufbruch ins Zaudern im Eingangssatz zelebriert er immer gleich, möchte Haydns Spiel mit den Floskeln des Barock bewusst machen, liefert aber nur Affektenlehre aus dem Fertigbaukasten. Bei Nonos „Canti di vita e d’amore“, diesen Fragmenten einer Sprache der Empörung über das Unrecht, scheinen die Bamberger streckenweise überfordert, so angestrengt, wie sie sich durch die Partitur manövrieren. Auch hier betont Nott das Blockhafte einer die Erregung kondensierenden Musik. Anders als der zerquälte Tenor Niclas Oettermanns bringt Marisol Montalvos souveräner Sopran den Mut zur Selbstentäußerung auf. Ihre Solo-Partie: eine anrührend schutzlose Einzelstimme, die den mächtigen Tutti trotzt.

Nono und Haydn waren 38 zum Zeitpunkt ihrer Kompositionen, Schostakowitsch schrieb die Sinfonie Nr. 5 d-Moll mit 30. Ein junger Mann, der 1937 Endzeitstimmung verbreitet, sein affirmatives Soll erfüllt und es subversiv unterläuft. Diesmal geht Notts Rechnung auf: Das zur Floskel erstarrte Heroentum entlarvt sich selbst. Bei aller Variabilität münden die Hauptthemen des Kopfsatzes doch in den Militärmarsch und strafen jedes Sentiment der Solo-Instrumente als fromme Lüge. Das Largo versammelt Figuren der Vergeblichkeit; und das finale, minutenlang hysterisch auftrumpfende DDur schrillt noch lange in den Ohren. Fest gemauert steht Nott auf seinem Pult: Dieses Mal ergibt seine Beharrlichkeit musikalischen Sinn. Christiane Peitz

MUSIKFEST

Für das Leben: Schuberts Klaviertrio im Kammermusiksaal

Die ewige Frage, ob Kunst das Leben ändern könne, ein Bühnenmotto zum Beispiel von Hans Neuenfels, schwebt auch über den Konzerten der IPPNW, der Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg. Hoffnung liegt darin, dass deren Erlöse seit 25 Jahren Taten der Menschlichkeit zugutekommen. Zuversicht deutet im Kammermusiksaal Bernard Lown an, Ko-Präsident Emeritus der IPPNW, dessen Buch „Ein Leben für das Leben“ gerade auf Deutsch erschienen ist.

„Music can help us“: So leitet Lown nach der Begrüßung durch den Veranstalter Peter Hauber ein Benefiz ein, das Amnesty International gilt. Musik, die helfen kann. Plötzlich Schubert: eine neue Stimme bei diesem Musikfest. Und nach der Fülle orchestraler Entladungen ein Höhepunkt farblichen Spaltklangs: das Klaviertrio B-Dur. Es ist eine anregende Erholung, der lieblichen Kantabilität der Geigerin Viviane Hagner zu lauschen und dem Wellenspiel des Klaviers von Steven Osborne. Unter der lyrischen Führung des Cellisten Alban Gerhardt wird ein Bild von Beschwingtheit und Musizierfreude realisiert. Die Welt glänzt wieder frisch, so Schumann über das Stück. Unglaublich, dass es im Jahr der „Winterreise“ entstanden ist. Auch die Schostakowitsch-Sonate für Cello und Klavier widerspricht gängigen Erwartungen. 1934, vor der stalinistischen Bestrafung, singt der Komponist in diesem Werk aus vollstem Herzen, ohne je zu provozieren. Einfachheit erscheint als ein Geschenk sprühender Fantasie. Osborne und Gerhardt spielen, der Cellist als Kammermusiker auswendig, mit faszinierendem Ausdruck. Sybill Mahlke

ROCK

Schlangenarme: Eric Taylor

im Berlin Guitars

Er ist ein Bär von Mann. Rotes T-Shirt Größe XXL, weißer Pinselbart, schwarzes Barett, Akustikgitarre. So steht Eric Taylor im brechend vollen Berlin Guitars und knarzt einen düsteren Song. Mit dem fange er besonders gerne an, grinst er. Er erzählt von seinem 1997 gestorbenen Freund, dem großen texanischen Singer/Songwriter Townes Van Zandt und dessen todtraurigen Liedern. Wenn er von jemandem gebeten worden sei, mal was Fröhliches zu singen, habe Townes geantwortet: Dies sind meine fröhlichen Songs, frag nicht nach den traurigen. Taylor steht auf der Bühne, um an seine toten Freunde zu erinnern: Townes, Dave Van Ronk und die anderen.

Es ist die Mischung aus Melodien in Moll, knarzendem Gesang und den literarischen Überleitungen, die Taylor in den letzten dreißig Jahren zur eigenen Kunstform entwickelt hat. Er singt über Frauen mit Armen wie Klapperschlangen, über alte Männer, die Mädchen an die Wäsche wollen, über Heroin von „Whorehouse Mirrors and Pawnshop Knives“. Den Text über Bordelle und Messer habe er zusammengeschnitten aus Telefonaten mit dem Beat-Poeten William Burroughs. Mit Cowboystiefeln knallt er Rhythmen in den Bühnenboden, spielt Fingerpicking mit offenen Akkorden, schnalzt metallische Noten aus der Hand. Und wird unaufdringlich begleitet von Matthias Schneider, der die Songgeschichten unterfüttert mit schwirrenden Klangflächen, die er lässig aus E-Gitarre oder Lapsteel zieht. Berauschend. H.P. Daniels

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