Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

ROCK

Gitarrengewitter: Dinosaur Jr.

im Astra-Kulturhaus

Schon wieder kommt ein prähistorisches US-Indie-Rock-Urvieh auf uns zu: Dinosaur Jr. beherrschten vor zwanzig Jahren mit explodierenden Gitarren die Erde und sorgten nach Punkrock dafür, dass die Haare mit den Gitarrensoli nachgewachsen sind. Seit 2005 sind J Mascis, Lou Barlow und Murph wieder zusammen. Ihr neues Album „Fame“ knüpft nahtlos am alten Sound an, gleichgültig gegen alle Flurschäden, die sie bei einer Million Indie-Gitarrenbands angerichtet haben. Beim Konzert im Astra-Kulturhaus wird man auch an ihren legendären Ruf als lauteste Band der Welt erinnert. Vor einer dreifachen Verstärkerwand rettet J Mascis die Gitarre als erhabene Lärmmaschine, während der Bass von Lou Barlow seine Power-Chord-Erzählungen murmelt und Murph am Schlagzeug ein solides Gerüst für die betörenden Ohrwürmer zimmert. Die Rhythmusgruppe ist das Skelett, an den Knochen nagt, zerrt und sägt J Mascis, der mit seinem gebügelten Langhaar mittlerweile aussieht wie Häuptling Graue Wolke. „Don''t Let Me Fuck Up“ plärrt er gegen Ende bei der obligatorischen Slackerhymne „Freakscene“ mit seiner kaum hörbaren Nuschelstimme, bevor alles im episch breiten Wah-Wah-Gitarrensturm verschwindet und vom Feedbackgetöse geschluckt wird wie eine Kopfschmerztablette. Volker Lüke

FOTOKUNST

Pervers schön: „Talents“

bei C/O Berlin

Man muss das Foto lange betrachten, um Golfplätze in einer Berglandschaft zu erkennen. Trotz der grasgrünen Farbe könnten es Skeletthände sein, die auseinanderfallen. Aus etwa 400 einzelnen Aufnahmen hat Christoph Engel diese und acht weitere Luftaufnahmen zusammengesetzt. Der 1975 geborene Fotograf bediente sich bei der Internetplattform Google Earth. Was ist Fotografie heute, was Urheberschaft? Nicht zuletzt auf solche Fragen sucht die Reihe „Talents“ im Fotografieforum C/O Berlin Antworten (Oranienburger Str. , bis 4. 10.).

Christoph Engel trifft hier mit der Kunstkritikerin Ulrike Westphal zusammen. „Wir sehen eine Art ,Umwelt’ oder ,Natur’-Design,“ schreibt die 31-Jährige in ihrem begleitenden Essay, „aber nicht im Sinne einer ökologischen Verträglichkeit, sondern vielmehr als eine radikale Umwandlung ganzer Landstriche, über die der Mensch mit seinem unbedingten Gestaltungswillen die Oberhand behält.“ Engels Montagen zeigen, wie die Erde zwischen „unseren Händen“ zerbröselt, was auf perverse Art schön wirkt. Man sieht Felder wie Designerkachelwände, in die Landschaft gefräste Vorstädte und gigantische Highwayknoten. Merkwürdig: im selben Haus sind Pierre und Gilles’ homoerotische Pikanterien zu sehen, doch der Blick auf die „Ungefähre Landschaft“ fühlt sich weit voyeuristischer an: Als ob man einem Wildfremden beim Sterben zusieht. Jens Hinrichsen

ROCK

Kultkollektiv: Dirty Projectors

im Festsaal Kreuzberg

Die aus Brooklyn stammenden Dirty Projectors scharen sich in der aktuellen Besetzung fünfköpfig um Sänger und Gitarrist Dave Longstreth: ein Schlaks, dessen Bewegungsmuster an den Komiker Jim Carrey erinnern. Zum Spektakel wird der Auftritt im Festsaal Kreuzberg durch das fantastische Kollektivspiel: Von bestürzender Schönheit sind die millisekundengenau getakteten Wechselgesänge von Amber Coffman, Angel Deradoorian und Haley Dekle, die von gellendem Furiengekreische zu himmlischem Engelsgesäusel und zurück switchen. Hinter den drei Frauen, bei denen Coffman als Minimalgitarristin ein cooles Gegengewicht zum genialischen Longstreth bildet, rumpelt Brian McOmber am Schlagzeug. Bei Bedarf spielt er stumpfe Discorhythmen, lieber verfällt er in jazziges Irrsinnsgeklöppel, zu dem Nat Baldwin filigrane Bassläufe modelliert.

Aus der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren formen die Dirty Projectors eine fordernde, aber stets mitreißende und überraschend eingängige Popmusik. Nach 80 Minuten demonstrieren sie dieses Prinzip nochmal bei der Coverversion von „Rise above“: Den Punkkracher morphen die Dirty Projectors zum multiperspektivischen Mix aus Afropop, New-Wave- Gezicke, Scheppergitarre und diesem Stimmengewirr, das man einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Ganz groß! Jörg Wunder

THEATER

Eltern nerven: „Frühlings Stürme“

im Theater Strahl

„Jetzt beginnt sie, die schönste Zeit in deinem Leben!“, jubiliert die Mutter am 14. Geburtstag ihrer Tochter Wendla. Als Geschenk gibt es einen puffroten BH in falscher Körbchengröße und einen Frauenarzttermin, wegen der Pille. Dem armen Mädchen ist das alles nur furchtbar peinlich. So ändern sich die Zeiten: Aus der sexuellen Verklemmtheit der wilhelminischen Doppelmoralisten in Wedekinds „Frühlings Erwachen“ ist der liberale Furor einer Elterngeneration geworden, die sich den eigenen Kindern als Freund aufzuzwingen versucht. Der Effekt ist der gleiche: Die pubertierenden Kinder sind mit ihren Sorgen und Fragen allein. „Frühlings Stürme“ heißt die Wedekind-Variation, die der Autor und Regisseur Günter Jankowiak nun im Theater Strahl auf die Bühne gebracht hat (wieder am 24./25. 9., 11 Uhr). Es ist eine stimmige Fassung, die unverkrampft die Vorlage ins Heute überführt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Wendla (Yvonne Yung Hee), die bei ihrem ersten Mal mit Melchior (Oliver Moritz) schwanger wird. Ein misslungener Abbruchversuch nach Internet-Anleitung, von den Ärzten als Suizidversuch verstanden, beschert ihr die Einweisung in die Psychiatrie. Doch nicht nur Wendla, auch die anderen Jugendlichen ringen um Halt und Orientierung im Hormonsturm. Was das hervorragende Ensemble, das auch in die Rollen der Erwachsenen wechselt, höchst berührend vermittelt. Patrick Wildermann

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