Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Patrick Wildermann

THEATER

Späte Erotik: „Es wird Zeit“

im Schlossparktheater

Früher war zwar nicht alles besser, aber es ging wenigstens schneller. Heute braucht die Frau einfach ewig, um das Gemüse zu schnippeln, und der Mann kommt sowieso kaum noch aus dem Sessel. Das Stück „Es wird Zeit (About Time)“ des amerikanischen Dramatikers Tom Cole führt die frustrierende Entdeckung der Langsamkeit im Alter vor, es zeigt ein New Yorker Seniorenpaar im Luxusapartment und im Lebensherbst, das nicht mehr voreinander weglaufen kann und sich entsprechend ausgiebig beharkt. Der verdiente Regisseur Ottokar Runze, selbst 84-jährig, hat es in seiner Inszenierung dieser gepflegten Ehescharmützel in Dieter Hallervordens wiedereröffnetem Schlossparktheater (wieder heute bis 30. 9., 20 Uhr) auch nicht gerade eilig. Besonders vor der Pause fühlt sich das Tempo an wie Wassertreten im Kneippbecken, und dass dabei so viel über Gemüse geredet wird, forciert den Esprit eher nicht. Bekannt geworden ist Runze als Filmregisseur, für sein Drama „Im Namen des Volkes“ war er 1974 bei der Berlinale mit einem silbernen Bären ausgezeichnet worden. Das Problem des Theaterabends ist weniger Runzes Regie, die insgesamt stimmig und konzentriert wirkt, sondern die Pointenarmut und Fahrigkeit des Textes, dessen Sujet Dialogschärfe und Gedankentiefe gleichermaßen verheißt, aber kaum einlöst. Ohne zwei vorzügliche Schauspieler wäre der Abend reines Baldrian. Brigitte Grothum und Michael Degen als „Sie“ und „Er“ aber bringen wenigstens für Momente Feuer in die lauen thematischen Wechselbäder (Angst vor Einsamkeit, Möhrenputzen, enttäuschte Hoffnungen, Sellerieschneiden), und sie vermeiden sogar Krampf und Peinlichkeit, wenn es ans späterotische Liebesspiel mit saurem Rahm geht. Der Rest ist dann wieder Rohkost. Patrick Wildermann

TECHNO

Klöppeln, Zischen, Brummen:

Moritz von Oswald im Berghain

Leute, die länger durchhalten, muss man gelegentlich neu vorstellen: Moritz von Oswald erforscht seit 25 Jahren Klangräume und ist damit zu einem der einflussreichsten Produzenten elektronischer Musik geworden. Mit dem von ihm gegründeten Labels Basic Channel und Rhythm & Sound hat der studierte Schlagzeuger, der ein Ururenkel Otto von Bismarcks ist und seine Karriere als Schlagzeuger bei der Post-Punk-Kapelle Palais Schaumburg begann, die Techno-Szene revolutioniert, indem er den Dancefloor-Minimalismus aus Detroit mit jamaikanischem Dub-Reggae verknüpfte. Zuletzt sorgte er für Furore, als er mit Carl Craig für die Traditionsfirma Deutsche Grammophon Karajan-Aufnahmen von Ravel und Mussorgsky zu flirrenden Clubtracks umbaute. Mit seinem Trio hat sich von Oswald nun vorgenommen den Klangraum auch auf improvisatorischer Basis auszumessen. Bei der Livepräsentation des Debütalbums „Vertical Ascent“ im Berghain erweitert der Reggaemusiker Tikiman an der Gitarre das Trio zum Quartett. Mit dem Finnen Sasu Ripatti alias Vladislav Delay an den Congas und Max Loderbauer am Modularsynthesizer lotet von Oswald an Keyboard und Laptop mit beweglichen Fixpunkten und feinen Geräuschmodulationen die Parameter Sound und Bewegung aus. Zwischen Ambient, House, Calypso und Dub entsteht ein ungewohnter Klang von einer gänzlich neuen Art, eine formlose Ritualmusik, die den Clubsound von allem Glam reinigt, sich vor Jazz verbeugt und das Publikum nach fahrigem Beginn immer tiefer in das repetitive Klöppeln, Zischen und Brummen hineinzieht. Ein grandioses Konzert und ein kluges Bekenntnis zur avantgardistischen Klangästhetik mit karibisch unterwühlten Rythmen. Volker Lüke

KLASSIK

Magische Schwebezustände:

Marc Albrecht in der Philharmonie

Zarte Klarinettentriller lösen sich aus dem Nichts, schlagen wilde Kapriolen und verbinden sich mit den Klangfäden von Akkordeon und Streichern zu einem glitzernden Gewebe. „Levitation“ für zwei Klarinetten und Orchester von Peter Eötvös wuchert mit dem Pfund der Klangfantasie. Der Titel meint Schwebezustände, physikalisch oder durch Magie hervorgebracht – den ungarischen Komponisten inspirierte die Vorstellung eines chinesischen Artisten, der eine Hühnerfeder erst auf der Nasenspitze balancierte und dann durch den bloßen Atem in der Luft tanzen ließ. Sabine und Wolfgang Meyer erzeugen als charismatische, einander zugewandt musizierende Solisten genau diese Leichtigkeit, werfen sich die Bälle zu oder schwelgen in idyllisch-pastoralen Klängen. Marc Albrecht und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin tragen die beiden auf Händen, legen ihnen Klangteppiche aus, umgarnen sie mit Seidenfäden. Doch geht es nicht nur um Klangdelikatesse. Bartòks „Wunderbarer Mandarin“ nach der Pause macht Eötvös’ Musik, deren letzter Satz „Petruschkas Auferstehung“ feiert, im Nachhinein als tänzerisch gestisch kenntlich. Die Ballettpantomime in ungekürzter Fassung aufzuführen, was auch den subtil agierenden Ernst-Senff-Chor einbezieht, verschafft den Musikern, allen voran Blechbläser und Schlagzeuger, brillanteste Auftritte. Doch Ausdrucksdifferenzierung, der Handlung um den erst durch die Liebe zu Tode gebrachten Mandarin entsprechend, stellt sich im schneidend auf Hochtouren laufenden Klang weniger ein. Auch Haydns Sinfonie Nr. 66 erklingt fast überpräsent – in virtuos abschnurrenden Sechzehnteln blitzt Wärme und Liebenswürdigkeit nur momentweise auf. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar