Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Frederik HanssenD

KLASSIK

Hommage an Rostropowitsch:

Bach an der Mauer

Wer als Klassik-Fan an die Wende zurückdenkt, dem fallen zwei Konzerte ein: Beethovens Neunte mit Leonard Bernstein und Musikern aus beiden Teilen Deutschlands sowie aus den Staaten der Alliierten – und Mstislaw Rostropowitschs CelloSolo an der Mauer. Noch am 9. November 1989 hatte sich der Künstler in Paris ins Flugzeug gesetzt, um tags darauf spontan ein Freiluft-Recital mit den Suiten von Johann Sebastian Bach vor dem nutzlos gewordenen „Schutzwall“ zu geben. Während Bernsteins Beethoven mit der umgedichteten „Ode an die Freiheit“ mitgeschnitten wurde und zum Jubiläum gerade in einer neuen CD-Edition herausgekommen ist, blieb Rostropowitschs Auftritt ein bewegendes, aber ephemeres Einzelereignis. Oder doch nicht?

Am Freitag widmete ihm sein 1971 geborener Schüler Xavier Phillips eine Hommage: Auf dem Gelände der Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße spielte er Bachs 2. Suite sowie Werke, die Benjamin Britten und Henri Dutilleux dem vor zwei Jahren verstorbenen Virtuosen Rostropowitsch gewidmet haben. Die Kapelle der Versöhnung, errichtet über den Fundamenten einer gesprengten Kirche, die dem Ausbau des Todessstreifen im Wege gestanden hatte, erwies sich als idealer Ort dafür: Phillips warmer, intensiver Celloton erfüllte den Raum mit Klang, gerade bei Britten gelang ihm ein leidenschaftlicher Gesang, der von Schmerz erzählt und doch Zuversicht spendet. Ein Moment der inneren Einkehr, bevor die offiziellen Jubelfeiern losbrechen. Frederik Hanssen

KLASSIK

Glanz und Gewitter: Lothar Zagrosek und das Konzerthausorchester

Ein tückisches Programm, das Lothar Zagrosek da zusammengestellt hat. Nicht aufgrund des Anspruchs oder weil es dem Publikum so viel Konzentrationsbereitschaft abverlange. Tückisch, weil alle drei Werke den Hang zu speckigen Tutti, zu großer, hymnischer Melodik haben. Es droht ein Maestoso-Overkill. Schon bei Zoltan Kodálys „Tänzen aus Galánta“ lässt Zagrosek das rondoartig wiederkehrende Thema in den Streichern des Konzerthausorchesters so machtvoll anschwellen, dass die solistischen Inseln, obwohl besonders von Flöte und Oboe sehr elegant ausgestaltet, regelmäßig untergehen. Warum beide Solistinnen hinterher nicht zum Einzelapplaus aufstehen dürfen, bleibt rätselhaft.

Dann Brahms: Natürlich gibt es im 2. Klavierkonzert diese „ins Monumentale tendierende Anlage“, die vor allem Pianist Stefan Vladar hervorhebt. Wie Gewitter schickt er die akkordischen Stränge des Kopfsatzes ins Konzerthaus, bemüht sich stets um den großen Ton. Es gibt aber auch die subtilen Geschehnisse, die unterschiedlich auszuleuchtenden Oppositionsstrukturen, die an diesem Abend nur stellenweise im zweiten Satz und im Finale wirklich überzeugen. Hier phrasiert Vladar viel bedachter, malt Melodien, anstatt sie zu meißeln, lässt im Zusammenspiel mit dem Orchester unterschiedliche Farben aufblitzen. Schumanns 4. Sinfonie bietet mit ihrer prozesshaften thematischen Anlage dann doch noch die Chance, das Unterschwellige hörbar zu machen. Zagrosek verspielt sie. Wieder dominieren die ausladenden Tutti-Komplexe, die schmetternden Melodien. Das Orchester strahlt dabei durchaus glanzvoll – selbst am schönsten Glanz aber hat man sich irgendwann sattgehört. Daniel Wixforth

ARCHITEKTUR

Im Hamsterrad: „Neue Heimat“

in der Architektur Galerie Berlin

Als wären es Faller-Häuschen auf einer Modelleisenbahnanlage, so artifiziell wirken die Dorfszenen, die Werner Huthmacher in Österreich fotografiert hat. Seine kunstvoll-künstlichen Variationen sind in der Ausstellung „Neue Heimat“ im Werkraum der Architektur Galerie Berlin zu sehen (Karl-Marx-Allee 96, bis 17. Okt., Di-Fr 14-19 Uhr, Sa 12-16 Uhr, Katalog 24,80 €), die sich dem Europäische Architekturfotografie-Preis widmet.

Den ersten Preis erhielt der in München lebende Stephan Sahm für seine Fotoserie „My cage is my castle“. Sie zeigt Hamsterkäfige als poppig bunte Tierheime aus billigem Plastik. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine witzig surreale Kunstwelt – doch welcher Hamster möchte sein Rad in einer solchen unnatürlichen Heimat drehen? So gebrochen die Interpretationen des Heimat-Begriffs generell sind, so unterschiedlich zeigen sie sich auch in der Architekturfotografie. Auf kleinem Raum versammelt die beeindruckende Ausstellung eine faszinierende Vielfalt unterschiedlicher fotografischer Haltungen und Stile. Sie reichen von der Auseinandersetzung mit Interieurs im Stil der alten Niederländer (Marcus Schwier) bis zur Beschäftigung mit dem Wechselspiel von Bewegung und Stillstand in indischen Megacitys (Martin Roemers): Heimat hat viele Orte und noch mehr Gesichter.Jürgen Tietz

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