Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Sturmgesang: das Kronos Quartett im Kammermusiksaal

„Frisch aus der Feder“ ist der Abend mit dem amerikanischen Kronos Quartett überschrieben, das seit über 30 Jahren Neue Musik mit Jazz kreuzt, Weltmusikstücke mit Elektro-Beats. Farbenklavierartig wird die Bühne im Kammermusiksaal angestrahlt, mal rot, mal orange, dann mit Stacheldrahtsilhouette. Man spielt oft repetitiv und elektronisch verstärkt, unter Einsatz aller Kräfte und Materialien – immer wieder zupfen David Harrington, John Sherba, Hank Dutt und Jeffrey Zeigler gerissene Haare von den Bögen – und mit Einsprengseln vom Band. Am eindrücklichsten in „ ... hold me, neighbor, in this storm ...“ der Serbin Aleksandra Vrebalov: eine Reise durchs ehemalige Jugoslawien, mit dem Dröhnen der einsaitigen Kniegeige, mit Glocken und Muezzin-Rufen, harten Trommelschlägen, Tanzweisen und Streichergesängen. Die Möglichkeiten des Streichquartetts nutzen allerdings nicht alle Komponisten gleich geschickt. Raz Mesinais „Crossfader“, der ambitionierte Versuch, moderne Clubmusik zu übersetzen, klingt nicht so gut wie die süffig elektrifizierten Stücke der Gruppe Ramallah Underground. Und Hanna Kulentys Quartett „A Cradle Song“, in dem sich die vier regelrecht in Erregungszustände hinein- und hinaussäbeln, tönt besser als Michael Gordons „Potassium“, bei dem sich elektronisch angeraute Repetitionen mit dem Hakenschlagen ohrenbetäubend hoher Geigentöne abwechseln. Christiane Tewinkel

POP

Hippie-Prinzessin: Emiliana Torrini

in der Columbiahalle

„Ich bin so ein Hippie“, bekennt Emiliana Torrini, als sie das Publikum in der Columbiahalle zum Mitsingen des BeatlesKlassikers „Dear Prudence“ auffordert. Die Isländerin betritt die Bühne mit kurzem Folklore-Kleidchen, das, nun ja, hippiesk wirkt. Beim Singen mit geschlossenen Augen verkrallt sich ihre Rechte am Mikrofon, während sie in freie Zuckungen zur Musik der fünfköpfigen Band verfällt, was an Hippieköniginnen wie Grace Slick oder Janis Joplin erinnert. Zwischen den Songs erzählt sie in englisch-deutschem Sprechgemisch – Torrini lebte eine Zeitlang in Hessen – und mit Mut zur Selbstentblößung kauzige Anekdoten, die den Abend selbst dann kurzweilig geraten ließen, wenn die Musik mau wäre.

Doch davon kann keine Rede sein. Spätestens mit dem treibenden Folkpop von „Me and Armini“ legt sich Torrinis Anfangsnervosität. Die kann man der 32-Jährigen kaum verdenken, spielt sie doch vor weit größeren Auditorien, seit ihr fetziges „Jungle Drum“ zum Sommerhit wurde. Als Rockabilly-Parforceritt mit Scatgesang wird „Jungle Drum“ ein Höhepunkt des anderthalbstündigen Auftritts, aber keineswegs der einzige. Noch heftiger bejubelt wird die metallische Trip-Hop-Meditation „Gun“, bevor „Dear Prudence“, das zartbittere „Fisherman’s Woman“ und das soulige „Heard it all before“ einen feinen Zugabenblock bilden. Sympathisches Konzert! Jörg Wunder

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