Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

FILM

Schatzsuche: Ulrike Ottingers

„Koreanische Hochzeitstruhe“

Die Berliner Regisseurin Ulrike Ottinger ist eine leidenschaftliche Sammlerin. In ihren Filmen (wie in ihrem Buch „Bildarchive“) sammelt sie Alltag und Schönheit, Aufnahmen von Menschen, Städten, Landschaften. Eine Truhe kommt ihr da gut zupass, als Aufbewahrungsort für ihre Fundstücke, als Archivbox, und „Büchse der Pandora“, wie sie selbst sagt. Wenn ein Ottinger-Film also „Die koreanische Hochzeitstruhe“ heißt (in Berlin im Broadway und im Delphi), freut man sich schon im voraus: Bestimmt findet sich darin ein Schatz, etwas zum Staunen.

Ein koreanisches Paar will heiraten. Es hinterlässt bunte Zettel am Tempel der Wunschzettel, steigt auf den himmelhohen Seoul-Tower und fügt dort den Vorhängeschlössern der Verliebten ein weiteres hinzu, hockt vor der Hochzeitstruhe, die in farblich abgestimmter Reihenfolge mit kostbaren Stoffen gefüllt wird, auch mit Reis- und Bohnensäckchen. Der Bräutigam trägt die Truhe durch die Straßen der Megacity zum Haus der Braut. Am Hochzeitstag selbst werden beide stundenlang frisiert und geschminkt, die Familie lässt sich in unzähligen Varianten fotografieren, bis die Eheschließung mit säbelschwingenden Funkemariechen über die Bühne geht, samt Fruchtbarkeitszeremonie mit Trockenobstweitwurf und Huckepack-Finale.

Schamanismus, Melodram, Plastikoper: Rituale sind hier keine Zwangsjacke, sondern ein Spiel mit Ornament, Hightech und Tradition. Sorgfältig waren Ottingers Bildkompositionen schon immer, diesmal umstrahlt sie die Aura der Heiterkeit. Ständig müssen sich die Brautleute an Zeremonienmeisterinnen wenden, um zu erfahren, wie man die Teeschale hält oder sich korrekt verbeugt. Wer sich ungeschickt anstellt, trägt zum allgemeinen Vergnügen bei. Nicht die vollkommene Schönheit macht den Menschen zur Krone der Schöpfung, sondern das Lachen über die eigene Unvollkommenheit. Christiane Peitz

POP

Landeier unter Piratenflagge:

Alela Diane in der Passionskirche

So eine Tournee ist anstrengend: Morgen im Bus nach Wien, und abends gleich wieder ein Konzert – Alela Diane klingt erschöpft, als sie die Strapazen des folgenden Tages aufzählt. Diese Offenheit ist Teil des Authentizitätsversprechens, das in den spröden Folksongs der 26-jährigen Amerikanerin mitschwingt und in der gut besuchten Passionskirche durch eine uneitle Performance eingelöst wird. Trotz ihrer zierlichen Statur steht Alela Diane wie ein Fels hinter dem Mikrofon und singt mit glasklarer, an Joni Mitchell und die Country-Ikone Emmylou Harris erinnernder Stimme, meist in betörenden Harmonien mit Alina Harding.

Dazu liefert sie sich eloquente Gitarrendialoge mit ihrem Vater Tom Menig, der feinen melodischen Flitter über die Akkorde streut. Zu „Dry Grass and Shadows“ komplettieren Bassist Tom Bevitori und Schlagzeiger Benjamin Oak Goodman im Südstaaten-Landeier-Look das Line-Up. Doch mehr als ein federnder Country-Trab oder ein dezent groovendes Folk-Tänzchen ist nicht drin. Mehr ist aber auch nicht nötig, zumal sich Bevitori bei seinem stoischem Bassgeplucker derart verrenkt, dass es wie die Parodie eines Heavy-Metal-Angebers aussieht.

Nach acht Stücken in vollem Band-Ornat werden Sound und Besetzung zurückgefahren, bis Alela Diane, nur von Vater Menig auf der Mandoline begleitet, die düstere Ballade „Lady Divine“ spielt. Feierabend ist dann aber noch nicht, das Publikum ertrotzt sich mit minutenlangem Applaus eine zweite Zugabe. Der „Pirate’s Gospel“ soll es sein, jener energische Folk-Singalong, dessen Beliebtheit Alela Dianes Songwriter-Karriere erst ins Rollen brachte.

Alle Bandmitglieder stimmen mit der begeisterten Fangemeinde den aufrührerischen Freibeutergesang an. Und morgen geht‘s auf Kaperfahrt nach Wien. Jörg Wunder

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