Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Daniel Wixforth

KLASSIK

Im Expressionsschleudergang:

Barenboim in der Philharmonie

Wenn man als Dirigent seinen Einstand bei den Berliner Philharmonikern gibt, dann kann man sich ein solches Programm unmöglich wünschen. Beide Klavierkonzerte Chopins, von denen schon Hector Berlioz sagte, das Orchester sei nur „nichtssagende, überflüssige Begleitung“. Dazu mit Daniel Barenboim ein Solist, der per se die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Am Pult glänzen? Höchstens durch glanzloses Understatement. Das weiß Asher Fisch und verlässt sich in der Philharmonie klug auf die innige Beziehung seines einstigen Mentors mit den Philharmonikern. Mit Szymanowskis und Lutoslawskis Ouvertüren gibt es doch kurze Orchesterintermezzi, unter denen zumindest das zweite herauszuheben ist. Hier geht von Fisch viel sachliche Strenge, eine fast bürokratische Ästhetik aus, die diesem Werk gut tut.

Im Kern aber geht es an diesem Abend um Chopin, um Barenboim. Der macht schon im Eröffnungssatz des f-Moll-Konzerts deutlich, wie er diese pianistischen Extravaganzen versteht: Als Schaubühnen subjektiver Entfaltung, als Intimbeichte und Expressionsschleudergang zugleich. Wenn der Maestro nach einem poetisch ausgestalteten Larghetto zusammen mit den Hörnern beim strahlenden F-Dur des Finales angelangt ist, dann geht es um ein persönliches Statement: die Mazurka als Chopins Bekenntnis zum Vaterland Polen – bei Barenboim verliert sich das nie in virtuoser Belanglosigkeit. Im Allegro des e-moll-Konzerts wagt Fisch anfangs mehr Orchesterprofil, um in der Romanze die Bühne wieder frei zu machen. Es hat den Anschein, als lasse Barenboim die Themen einfach entstehen: wie aus einem Guss und wie von selbst. Kombiniert mit diesem butterweichen Klang sind die minutenlangen stehenden Ovationen ebenso erwartbar wie legitim. Daniel Wixforth

POP

Furchtlose Fantasien:

Patrick Wolf im Lido

Wer schneidert Patrick Wolf bloß diese irren Klamotten? Als der 26-jährige Brite die Bühne im Astra betritt, trägt er einen Body mit schwarz-weiß-grauem Union-Jack-Muster. Später führt er eine römisch-antike Fantasy-Garderobe mit goldbestäubtem Oberkörper vor, nicht, ohne sich zuvor bis auf einen gesäßfreien Lederslip entblättert zu haben. Am Schluss zeigt er schwarze Kniestrümpfe zur cremefarbenen Kombination aus Hotpants und Jackett mit stachelbewehrten Schultern.

Wolfs furchtloser Stileklektizismus findet in der Musik seine Entsprechung. Da streicht die wunderbare Violinistin Victoria Sutherland gegen das Gerödel von Schlagzeug, Kontrabass und elektronischem Zaubergerät an. Die vier bilden das Rückgrat für epische Songs, in denen verrückter Folk, Metal, Glam Rock, Britpop und Gay-Disco verschmelzen. Patrick Wolf fuhrwerkt auf Geige, Ukulele oder angeberischer Flying-V-Gitarre herum und setzt sich für das tränentreibende Lamento „The Sun is often out“ allein ans Piano. Zwar kokettiert er mit dem Gestus sexuell ambivalenter Überheblichkeit, doch mit wachsender Begeisterung des Publikums lässt er alle Masken der Coolness fallen. Wolf ist ein begnadeter Sänger, dessen Crooner-Organ an Jarvis Cocker und David Sylvian erinnert – manchmal sogar an Elvis Presley. Die Songs, ob fragiler Setzkasten-Folk wie „The Shadow Sea“ oder furiose Hedonisten-Disco wie „The Magic Position“, gehören zum besten, was zur Zeit aus England kommt. Und eine grandiosere Britpop-Hymne als „Hard Times“ war lange nicht im Angebot. Als Zugabe gibt Wolf im Trockeneisnebel den Stachelgeier zum technoid bollernden „Vultures“: bizarres Schlussbild für ein triumphales Konzert. Jörg Wunder

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