Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H.P. Daniels

POP

Die fiese Kröte:

Père Ubu in der Passionskirche

Das Interessante an David Thomas und seiner Band Père Ubu ist die enorme Wandlungsfähigkeit. Seit ihren musikalischen Anfängen 1975 passt sie in keine stilistische Schublade. Rock, Punk, New Wave, Industrielärm? Etwas von allem steckt darin. Nie weiß man, was als nächstes kommt. Gegeben wird laut Videowand in der Passionskirche: „Bring Me The Head Of Ubu Roi“, eine Adaption des grotesken Theaterstückes „König Ubu“ von Alfred Jarry, das bei seiner Pariser Uraufführung 1896 Tumulte auslöste. Nach der Ouvertüre mit finsteren Geräuschen marschieren schräge Gestalten im Gänsemarsch an Schlagzeug, Bass, Gitarre, Synthesizer, Theremin. Da kommt David Thomas im hochgeschlossenen Regenmantel, röhrt ins Mikrofon, spielt mehrere Rollen mit verschiedenen Stimmen gleichzeitig, rülpst und grummelt wie Captain Beefheart, springt in den Kopf, überdrehtes Fisteln. Nestelt in der Manteltasche, fischt einen Flachmann heraus, nimmt einen Schluck und schwankt und wankt und röchelt in einen Messingtrichter. Er gibt den König Ubu, eine fiese Kröte von einem Despoten, der Krieg gegen Polen führt. Dazwischen springen die Musiker herum in unterschiedlichen Rollen. Die kleine Bassistin zuckt zum Veitstanz. Ein Huhn mit Gummimaske spielt Synthesizer. Ein Pferd bricht unter König Ubu zusammen. David Thomas gibt Regieanweisungen, lässt die Mitspieler Szenen wiederholen, das Publikum möge sich nicht drum kümmern, man würde halt noch proben. König Ubu besteigt ein Schiff und segelt zurück nach Frankreich. Zur Zugabe noch reine Musik: Schmutziges Gerocke, Gepunke, New Wave, Industrielärm. Besser als jedes Theater. H.P. Daniels

ARCHITEKTUR

Märkische Heimat: Modersohn & Freiesleben in der Werkbund Galerie

Architekten sind Universalisten. So hat das Berliner Architektenduo Johannes Modersohn und Antje Freiesleben neben städtischen Wohnhäusern den Regionalbahnhof Potsdamer Platz (in Kooperation mit Hilmer Sattler) gebaut und mit dem Marschallhaus auf dem Messegelände eine Ikone der Berliner Nachkriegsmoderne saniert. Mit stimmungsvollen Fotografien stellen sie in der Werkbund Galerie (Goethestr. 13, Mo-Fr 15-18 Uhr, bis 9. 10.) ihre Bauten vor. Besonders die Brandenburger Projekte fallen ins Auge: der Umbau einer märkischen Scheune in Seebeck zum Wohnhaus (2000/01), der Neubau eines Ferienhauses am See in Althüttendorf (2003/04). Wie bei ihrem Wohnhaus in Paretz (1998/2000) entwickeln Modersohn & Freiesleben in Auseinandersetzung mit regionalen Bauformen und Materialien eine eigene Architektursprache, die durch eine fast skandinavisch anmutende Selbstverständlichkeit gekennzeichnet ist. Diese Qualitäten sind auch ins Buch von Tobias Zepter „Modersohn und Freiesleben – Das Leben der Dinge“ (Hatje Cantz , 35€) eingeflossen. Jürgen Tietz

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