Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Frederik Hanssen

KLASSIK

Jubeljubiläum: Die Singakademie

im Konzerthaus

Auf den Tag genau 20 Jahren nach seinem ersten Auftritt mit der Berliner Singakademie gibt Achim Zimmermann am Sonntag im Konzerthaus seinen Sängern wieder den Einsatz. Er kann stolz sein auf das, was er mit diesem Chor erreicht hat: Die Begeisterung, mit der dieses Liebhaber-Ensemble Musik macht, überträgt sich sofort auf die Zuhörer. Noch beeindruckender als der strahlende Jubelklang sind die Piano-Akkorde mit ihrer räumlichen Tiefenschärfe: Hier verschmelzen vier autonome Stimmen zur Einheit, hier weiß jeder, warum er was wie singt. Das Resultat ist eine Fülle feiner Schattierungen, gepaart mit vorbildlicher Textverständlichkeit.

Ihr Können präsentiert die Singakademie anlässlich des 25. Konzerthausjubiläums mit einem stilistischen Programmmix nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts: Als Präludium Webers Konzertstück für Klavier und Orchester (mit dem affektsicheren Solisten Camillo Radicke), dann drei a cappella-Chöre von Mendelssohn, gefolgt von Gelegenheitsmusik, Petr Ebens „Prager Te Deum“ auf die samtene tschechische Revolution von 1989. Und schließlich noch Haydns „Theresienmesse“, von Peter Schreier enttäuschend betulich dirigiert. Was für ein Kontrast zwischen den bloß korrekt abgespielten Noten des Kammerorchesters „Carl Philipp Emanuel“ und der Wachheit, der rhetorischen Raffinesse dieses Chores, der sich mit Haydns heiterer katholischer Frömmigkeit ebenso wohl fühlt wie zuvor mit Mendelssohns protestantisch strengem Tonsatz! Frederik Hanssen

SACHBUCH

Museum Dahlem: Daniel Hopes „Wann darf ich klatschen?“

Die Frage bleibt offen. Grundsätzlich sollte das Publikum erst am Ende des Werkes klatschen. Aber auch das Gegenteil kann richtig sein wie der Applaus im Überschwang der Gefühle direkt nach dem 1. Satz, findet Daniel Hope. Hauptsache der Beifall kommt von Herzen, erklärt der Geiger in seinem neuen Ratgeber für den Konzertsaal. Denn für den Künstler hinter der Bühnentür gibt es nichts schöneres, als von der Menge immer wieder zurückgerufen zu werden. Vor allem die Sänger beobachteten eifersüchtig, welcher Kollege sich nach dem Fall des Vorhangs am häufigsten verbeugen dürfe.

Daniel Hopes Buch ist voller Anekdoten, unterhaltsam sowohl für den erfahrenen Klassikfan als auch für den Laien. Denn der Violinvirtuose berichtet als Insider von den Kuriositäten des Klassikbetriebs, von den Freuden und Nöten eines Solisten. Da geht es um ganz praktische Fragen, zum Beispiel: Was passiert, wenn auf der Bühne die Saite reißt? Wie beruhigt sich der Solist vor dem Auftritt? Oder warum spielt das Orchester immer in schwarz?

Hope bricht eine Lanze für das Live-Erlebnis, das durch keine Aufnahme zu ersetzen sei. Schon aus eigenem Interesse will er die Menschen zum Konzertbesuch ermuntern. Dazu erfindet er ein Pärchen, das noch nie in einem klassischen Konzert war und das er darum in Beethovens Violinkonzert einführen kann. Anschließend wollen beide natürlich sofort ein Abonnement erwerben. Ganz nebenbei erfährt der Leser so auch, wie überaus erfolgreich sich der Autor im Klassikbetrieb behauptet. Schon mit fünf Jahren stand für ihn fest, dass er Solist wird. Zum Unterricht ist er teilweise mit dem Flugzeug angereist, dank eines Stipendiums. Früh musizierte er mit Menuhin, gab als 15-Jähriger sein erstes großes Konzert. Unaufdringlich lässt Hope einfließen, dass er auf Jahre ausgebucht ist. Trotzdem wird er in den nächsten Wochen genug Zeit finden, sein neues Buch vorzustellen. In Berlin ist er heute im Museum Dahlem (Lansstr. 8) zu Gast. Karin Erichsen

Daniel Hope: Wann darf ich klatschen? Ein Wegweiser für Konzertgänger. Rowohlt Verlag. 19,90 Euro.

POP

Bekenntnis zur Tanzfläche:

2raumwohnung im Admiralspalast

Von wegen 36 Grad: 2raumwohnung legen im Admiralspalast mit einem eisgekühlten Techno-Remix ihres Durchbruch-Hits „Wir trafen uns in einem Garten“ los. Wummert astrein, während die Scheinwerfer zuckendes Stroboskoplicht ins Publikum schleudern. Verstärkt von einer fünfköpfigen Liveband, geht die Reise von Inga Humpe und Tommi Eckert in Richtung Großraumdisco. Trotz lückenloser Hitabfolge dauert es ein wenig, bis das Publikum in Wallung gerät. Vielleicht wäre das Bekenntnis zur Tanzfläche in einer anderen Örtlichkeit besser aufgehoben, auch wenn die Bestuhlung im Parkett entfernt wurde. Während sich Tommi Eckert als Taktgeber dezent im Hintergrund hält und höchstens durch kesse Hüftschwünge auffällig wird, ist Inga Humpe auf der Bühne die tragende Wand der 2raumwohnung. Beim Singen hält sie ständigen Kontakt zu den Fans, springt, klatscht, tanzt – nie würde man vermuten, dass sie mit 53 zwei Jahre älter ist als die Fitnessfanatikerin Madonna. Ihr flacher, oftmals eher gehauchter und leicht verstimmt klingender Gesang mag technisch limitiert sein, war aber stilprägend für jüngere Sängerinnen wie Judith Holofernes oder Annett Louisan. Allzu große Routine wird durch Einflechten musikalischer Zitate vermieden: Durch „Kommt zusammen“ wabert – derzeit wohl unvermeidlich – das Gitarrenriff von „Billie Jean“. Am Ende sind alle zufrieden: Das Publikum erklatscht sich drei Zugaben, die Band badet nach 100 Minuten im verdienten Applaus. Schade nur, dass sie den Dauergroove ihres wohltemperierten Wellness-Pops erst ganz am Schluss, bei der Ballade „Wenn du bei mir liegst“, zugunsten einer tiefer schürfenden Melancholie aufgeben. Jörg Wunder

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