Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Große Versuchung: Schäfer und Metzmacher in der Philharmonie

Wiederholungen können vieles sein: ein Ablegen von Nervositäten, eine Vertiefung der Erkenntnisse, zweite Aufgüsse. Wenn Ingo Metzmacher Alban Bergs Altenberg-Lieder zweimal spielen lässt, dann weiß man nicht recht, welcher Kategorie hier der Vorzug gebürt. Einerseits ist es verführerisch, diese jäh expressionistischen, radikal knappen Orchesterlieder nach „Ansichtskartentexten“ des Wiener Dichters Peter Altenberg gleich noch einmal zu hören; andererseits tut sich selbst die fabelhafte Christine Schäfer schwer damit, die (An-)Spannung des ersten Mals zu reproduzieren.

Die Version nach der Pause mag gelöster wirken, beschwingter, heller – vor der Pause aber ahnt man dank Schäfers klug disponierter, hingebungsvoller Darstellung, weshalb diese Lieder bei ihrer Uraufführung 1912 eine veritable Schlägerei provozierten: Weil sie eben nicht nur mit der Wohlanständigkeit der Musik brechen, sondern tiefer schürfen. Das Intime, Verbotene auszudrücken – kein Komponist (erst recht keiner der Zweiten Wiener Schule!) vermochte dies in solch suggestive, himmelwärts offene Klangbilder zu kleiden wie Berg. Ihm zur Eröffnung des DSO-Saisonthemas „Versuchung“ einen ganzen Abend zu widmen, ist eine so glänzende wie heikle Idee. Bevor das Orchester sich in seinem spezifischen Duft aus harmonischer Schwerelosigkeit und Großstadtbiss findet, sind „Lyrische Suite“ und „Wein“- Arie schon verstrichen. Und erst in der „Lulu“-Suite am Schluss hat auch Metzmacher sich von der Magie der Formen und Strukturen so weit gelöst, dass einen ihre Todesekstase fest am Herzen packt. Christine Lemke-Matwey

POP

Hörkino mit E-Gitarre:

Juli Zeh und Slut im Babylon

Stellen wir uns vor: Mitte des 21. Jahrhunderts sorgt eine Gesundheitsdiktatur durch Rundumüberwachung für die Einhaltung einer medizinisch optimierten Lebensführung. Die Geschwister Moritz und Mia Holl geraten in die Mühlen der Staatsorgane. Moritz, als Mörder verurteilt, begeht im Gefängnis Selbstmord, woraufhin seine Schwester der „Methode“ die Legitimation entzieht.

Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh, im wahren Leben Gegnerin biometrischer Datenerfassung, hat ihre Negativutopie „Corpus Delicti“ zur anderthalbstündigen „Schallnovelle“ eingedampft, die sie mit der Ingolstädter Band Slut im Babylon Mitte auf die Bühne bringt. Zwischen die dialogischen Lesepassagen – Slut-Sänger Christian Neuburger spricht Moritz, während Zeh die Rolle der Mia übernimmt – sind sieben neue Songs platziert. Während die Stücke als sorgfältig arrangierter Indierock mit elektronischer Grundierung durchaus konzerttauglich sind, bleibt ihre Funktion rätselhaft. Gerade Neuburgers englischer Gesang mit melancholischer Kopfnote repräsentiert eindeutig Poptendenzen des frühen 21. Jahrhunderts (Coldplay, Radiohead) und steht im Kontrast zur futuristischen Kühle des Szenarios. So erreicht der Abend seine größte Intensität auf nichtmusikalischer Ebene: wenn sich Mia mit dem auf eine Leinwand projizierten Ankläger ein fulminantes Wortduell liefert. Zehs Totalitarismusparabel mag Genre-Klassikern von Orwell, Huxley oder Bradbury nur Nuancen hinzufügen, hat aber die Kraft zum moralischen Imperativ. Jörg Wunder

THEATER

Angriff der Gegenwart auf die Zeit: „Momo“ im Atze Musiktheater

Das Schöne an Michael Endes Roman „Momo“ ist noch immer die Brisanz der Geschichte von den grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen. Ist das im Internetzeitalter nicht sogar noch aktueller als im 1973? Immer schneller können wir kommunizieren und gewinnen doch nichts dabei. Da verwundert es, dass „Momo“ so selten den Weg auf die Bühne findet wie jetzt im Atze Musiktheater in Wedding, das Endes Zeitroman zur Spielzeiteröffnung in einer Bearbeitung von Vita Huber inszeniert. Die Bühne wird vom großen, halbrunden Amphitheater, in dem Momo mit ihren Freunden in den Tag hineinlebt, dominiert – die Uhr im Hintergrund hat keine Zeiger. Nach und nach erscheinen immer mehr graue Herren auf der Szene, die Gesichter geisterhaft von dunklen Netzen verdeckt und damit entindividualisiert. Kay Dietrich als ihr Anführer spielt mit der richtigen Mischung aus eleganter Verführungskraft und zugleich grausamer Autorität. Großartig ist Konstanze Kromer in der Doppelrolle als mechanische Puppe Bibigirl (Britney Spears?), die Momo zum Spielen gegeben wird. Julia Baukus in der Titelrolle bleibt dagegen farblos und spröde – erst im Gesang entfaltet sie samtig-leuchtenden Zauber. Regisseur Herman Vinck setzt den emanzipativen und gesellschaftsutopischen Zügen der aus den Siebzigern stammenden Geschichte eine zeitgenössische Lesart entgegen, was sich vor allem durch kompaktes, griffiges Timing und im Einsatz von Musik äußert. Hektische Achtel für die ihrer Zeit beraubten Menschen, der Rhythmus einer tickenden Uhr für den Auftritt der Zeitdiebe, eine schmachtende Sologeige für Momos Einsamkeit. Mit solchen Mitteln malt die Komposition von Thomas Lotz expressive, oft nur wenige Takte umfassende Klangflächen, die wie aller Zeit enthoben wirken. Und darum geht es. Udo Badelt

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