Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Thomas LackmannD

KABARETT

Wenn das Cello mit der Geige: Paul Staicu und Laurent Cirade im Tipi

Im Krieg, in der Liebe, in der Musik sind alle Mittel erlaubt. Das bürgerliche Kostüm, Frack und Fliege, bedeutet nichts. Aus dem Wohlklang des Flügels mit der Bassgeige entspringen die Dissonanzen zweier Rampenschweine. E- und U-Hits des 18., 19. und 20. Jahrhunderts werden zur Munition der Zimmerschlacht. Das Beziehungskonzert von Paul Staicu und Laurent Cirade hat keinen Anfang, kein Ende. Cellist und Pianist verfolgen sich für ihr „Duel“ (bis 10. Oktober) quer über die Bühne des Tipi, stören sich eifersüchtig beim Solo, ketten sich mit Handschellen zum Laokoon-Duo aneinander, bedienen viceversa das Instrument des anderen.

Staicu, der bullige Rumäne, gibt den autoritären Gewaltfetischisten; Cirade, das Männlein, versteckt Aggression hinter der Lächelmaske. Das Cello wird Objekt des Begehrens, Projektionsfigur der Rollenspiele: Es ist Mord-Stilett, Stier, Spanferkel oder umgarnte Tanzpartnerin – was nicht ohne Folgen bleibt, wenn eine Geige in Windeln die Familienseligkeit komplettiert. Das improvisierte Schlaflied für die quäkende Baby-Fiedel, unter Einsatz eines aus Flaschen und Faden konstruierten Behelfsbasses und eines Klimperklavierchens, gerät zum poetischen Höhepunkt der kleinteiligen, roh aneinandergeflickten Slapstick-Parade.

Mit Edgar Faurés nachdenklicher „Elegie“ – dem einzigen Werk, das als Musik pur den Abend überlebt – setzen die Musik- Clowns im dämmerigen Spot ihren vorletzten Schluss-mit-lustig-Punkt zum Weltfrieden. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Thomas Lackmann

KUNST

Leer: Arbeiten rund um Container

im Kunstraum Autocenter

12,19 mal 2,44 mal 2,60 Meter ist die Leere, mit der man allerhand anstellen kann. Container sind Standard und Symbol. Der Kunstraum Autocenter zeigt, wie sie nach der fernen Welt riechen, wie sie Gefängnis sind und mobiler Ausstellungsraum, wie sie Güter und Menschen transportieren (bis 10. Oktober, Do-Sa 16-18, Eldenaer Straße 34a, Friedrichshain).

Frank Breuer, ein Schüler der Bechers, stellt eine Serie von Containern in einer gesichtslosen Landschaft aus, die sie auf dokumentarisch-ästhetische Weise in ihrer reinen, uniformen Gestalt festhalten. Tatjana Doll bildet die charakteristische gerillte Oberfläche als leuchtende, kräftige Malerei in Originalgröße ab. Beklemmend die Arbeiten von Hans Op de Beek und Milica Tomic. Der belgische Künstler belauscht in seinem Video vermeintliche illegale Flüchtlinge, die sich in einem Container verstecken. Tomic rekonstruiert ein Kriegsverbrechen. 2001 transportierte die von den USA unterstützte afghanische Nordallianz 8500 Taliban in luftdichten Containern in Gefängnisse. Nicht einmal die Hälfte überlebten den Transport.

Eine schlichte, treffsichere Video-Arbeit bringt der Spanier Santiago Sierra in all diese Betrachtungen ein: Ein Mann stellt sich einer Schlange von Lastwagen an einem Containerhafen in den Weg – als Wiedergänger jenes chinesischen Demonstranten, der sich 1989 auf dem Tian’anmen-Platz einer Panzerkolonne in den Weg gestellt hatte. Auch diesmal beobachtet eine Schwarz-Weiß-Kamera die Szenerie von oben. Es ist dunkel. Der Mensch ist ein kleiner Fixpunkt vor einem riesenhaften, bedrohlichen Tier, das unruhig nach vorne setzt, hupt, die Scheinwerfer aufblendet. Irgendwann geht die Person einfach weg, das spannungsgeladene Kräfteverhältnis löst sich auf, der Tross setzt sich in Bewegung. Container sind Masse, sind Mobilität. Anna Pataczek

KUNST

Groß: Persische Stickereien

im Museum für Islamische Kunst

Das Beige der Steppen geht ins Grau der Böden über; lehmfarbene Türme ragen kontrastlos aus der eintönigen Landschaft: Um 1900 fing Friedrich Sarre, Sammler islamischer Kunst, auf seiner Reise durch Kleinasien, Persien und Turkestan, die farblose Natur in Fotografien ein. Immer wieder werden seine Aufnahmen im Mschatta-Saal des Museums für Islamische Kunst (Pergamonmuseum, bis 1. November, Fr-Mi 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr) an die Wand projiziert. Sie bilden einen Kontrast zu den großformatigen Stickereien, den sogenannten Großmedaillon-Suzani, die dort ebenfalls zu sehen sind.

Die acht Seidenstickereien in kräftigem Rot, Gold und tiefstem Blau, von denen sieben aus Privatbesitz stammen, erstrecken sich jeweils auf knapp drei mal zwei Metern. Die Suzani – der Begriff geht auf das persische Wort für „Nadel“ zurück – entstanden im 19. Jahrhundert und gehörten zur traditionellen Wohnraumausstattung der sesshaften Bevölkerung Mittelasiens. In mühsamer Handarbeit bestickten die Frauen des Hauses schmale Stoffbahnen aus einfachem Baumwollgewebe. Anschließend wurden die einzelnen Bahnen zusammengefügt, so dass ein Sechseck mit einer Rosette im Zentrum und zwei übereinandergelegten Kreuzen entstand. Auf den zweiten Blick lassen sich Messer- und Schwertgriffe erkennen, ebenso Wasserkrüge, Wellen und Sonnenwirbel.

Die Stoffe dienten als Mitgift, Gebetsteppich, Wandschmuck oder Brautlaken. Noch immer werden beispielsweise in Tadschikistan Suzani hergestellt – noch immer per Hand und in den alten Mustern, nur strahlen die Farben stärker dank industrieller Produktion. Juliane Primus

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