Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Im Fluss: Das Ensemble Modern

im Konzerthaus

17 junge Komponisten hat das Siemens Art Program in den letzten Jahren damit beauftragt, klingende Landkarten der Mega-Städte dieser Welt zu erstellen. Die letzte Station, das südchinesische Pearl River Delta, zeigt sich da besonders ergiebig: Fünf Uraufführungen im Konzerthaus, lebendig und engagiert interpretiert vom Ensemble Modern unter Johannes Kalitzke, spiegeln die kulturelle Vielfalt des riesigen industriellen Ballungsraums, zu dem Städte wie Hongkong oder Macao gehören. Nur im Schutzraum eines Taxis kann Heiner Goebbels den Lärm und das Menschengewusel ertragen. Entgegen dem Projektnamen „...into...“ heißt seine elektronische Komposition „out of“, die knarrend und glucksend zu eisblauer Beleuchtung eher an eine Polarlandschaft denken lässt.

„Into“ stürzt sich der Ire David Fennessy, der in „13 Factories“ mit feinen Abstimmungen von Instrumentalklang und Elektronik die Poesie des Stimmengewirrs in der U-Bahn einfängt. Johannes Schöllhorn bezeichnet mit klanggewaltigen, scharf abgesetzten Akkordschlägen ein „Niemandsland“; Benedikt Mason widmet sich mit kauzigen Flageoletts zu Bildern etwa eines überdimensionalen Chinakohls oder kleiner roter Heuschrecken eher humoristischen Aspekten. Eine Sonderstellung nimmt Unsuk Chin ein: „Gougalön“ heißt ihr instrumentales Theater, das mit reichem Schlagwerk und schräg- süßer Melodik das Bild eines Markt- und Spelunkenmilieus zeichnet, das es in ihrer koreanischen Heimat schon nicht mehr gibt. Isabel Herzfeld

IMPROVISATION

Schüchtern: Das Splitter Orkest

im Radialsystem

Am Anfang ist Stille. Im Radialsystem haben sich 19 Musiker aus Sydney, Melbourne, Tasmanien, Berlin, New York und Neuseeland versammelt, die im Rahmen des „Australian Arts Fest“ die Idee eines großformatigen Improvisationsensembles probieren. Das „Berlin Splitter Orkest“, das an diesem Abend seine Premiere hat, basiert auf dieser Idee einer organischen Einheit und versammelt mit Ignaz Schick, Burkhard Beins und Michael Vorfeld einige der großartigsten Experimentalisten der Stadt. Besonders Vorfeld gibt dem Orchester über weite Strecken eine konzentrierte Dichte, wenn er mit zwei Geigenbögen die Ränder seiner Becken und selbstgefertigter Klangskulpturen streicht und – nachdem er ein Tuch über seine Klangwerkzeuge gelegt hat –, die Textur des Stoffes als Klang sichtbar macht.

Clayton Thomas bearbeitet mit verschiedenen Klangwerkzeugen den Resonanzraum des Basskörpers und legt sein Instrument teilweise auf die Seite, um den horizontalen Klang der Saiten als Element einzubringen. Daneben legt vor allem der ebenfalls in Berlin lebende australische Percussionist Steve Heather mit seiner Snare Drum und einem Koffer selbstgefertigter Geräuschquellen am Rand der Bühne nachhaltige Strukturen. Das Ineinandergreifen akustischer und elektronischer Improvisation durch das Rauschen der Mischpulte, die als Instrument gespielt werden, erzeugt langsam reibende Geräusche einer minimalistischen und doch fast zu schüchternen Zartheit. Maxi Sickert

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben