Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sybill Mahlke

OPER

Mit Bauch, ohne Bart: „Falstaff“ an der Deutschen Oper

Bei der Wiederaufnahme von Götz Friedrichs legendärer 1977er Inszenierung des Verdischen Falstaff quietscht und knurrt die Bühnenmaschinerie beim Fahren der atmosphärischen Dekorationen Timothy O’Briens. Da aber Gerlinde Pelkowski als Spielleiterin der Deutschen Oper das Flair des alten Theaters nicht leugnet und es nur vorsichtig vom Staub befreit, wird seine charmante Turbulenz reanimiert. Vor allem die lustigen Weiber von Windsor machen Party an der Themse: Michaela Kaune, stimmlich nicht ganz frei, Heidi Stober mit heller Höhe, Ewa Wolak tönend im Alt, dazwischen Julia Benzinger. Bei den Herren übernimmt Markus Brück als eifersüchtiger Gatte mit seinem „Madrigal“ die Führung, während Yosep Kangs Tenor kein gänzlich „schwereloses“ Lied gelingt.

Komödie als Welttheater, zugleich opernhaft und brechtisch, differenziert ins Kleinste – das war einmal. Aber hier wird ein Erbe gehegt. Zu bewundern ist die Ensemblekultur, die Pelkowski erreicht, darin die wippende Präsenz der Chöre. Und das Orchester unter Michael Schonwandt folgt sehr motiviert der Lebendigkeit der Szene, mit Konzentration auf die Schönheiten der Musik und fabelhaftem Hörnerschall. Nur der Star scheint rollenmüde: Ambrogio Maestri hat den Falstaff schon an 12 Theatern gesungen. Er verkörpert den wuchtigen Antihelden mit Routine, großem Ton und lebensechtem Bauch. Was er schuldig bleibt, ist das facettenreiche Wesen des Shakespeareschen Ritters, die Tragikomik der eigenen Fehleinschätzung, die den Schmarotzer liebenswert macht (wieder am 15. und 17. Oktober). Sybill Mahlke

ROCK

Ganz nah bei uns: Chuck Prophet im Quasimodo

Während draußen der Regen rauscht, ist drinnen im Quasimodo der Sound knochentrocken. Chuck Prophet bleckt die Zähne, fährt sich durchs schüttere Haar und knallt umso dichtere Akkorde in seine Telecaster. Die Band The Mission Express bleibt ganz nah dran an Prophet, an seinem leicht näselnden Gesang, seinem exzellenten Spiel, an seiner tänzelnden Präsenz, seinem brillanten Klang. Der Sound baut sich auf, türmt sich in schwindelnde Höhen, zwei elektrische Gitarren, zwillingshaft wie in den besten Tagen von Thin Lizzy, mit einem soliden Fundament aus knorrigem Bass, knalligem Schlagzeug, schönen Melodien, Keith-Richards-Riffs, Bob-Dylan-Phrasierung, Blues, Country, Soul, amerikanische Wurzeligkeit. Beste Ingredienzen für leidenschaftlichen Rock’n’Roll. In den Achtzigern ist Prophet direkt vom kalifornischen College in die Band Green On Red gestolpert und hat es mit ihr zum Kultstar gebracht. Ein Glück, dass er sich nicht zum entrückten Mainstream-Stadionrocker entwickelt hat. Dass er immer noch so dicht dran ist am Publikum, wenn er mit seiner orgelnden Ehefrau Stephie Finch rührende Duette singt, wenn er Soli tauscht oder parallele Melodiefiguren spielt mit seinem wunderbaren Co-Gitarristen James DePrato. Nach zwei Stunden, angelangt auf dem Hochspannungshöhepunkt, huldigen sie mit „I’m Not Talking“ und „For Your Love“ noch höchst rasant den Yardbirds. Einen seiner schönsten Songs allerdings blieb Chuck Prophet schuldig: „After The Rain“. H.P. Daniels

KUNST

Täuschungen: Robert Kusmirowski im Polnischen Institut

Ein Bündel Haare, alte Kohlenanzünder und Seifen: Fast unmöglich, angesichts der Vitrinenauslagen im Schaufenster des Polnischen Instituts (Burgstr. 2, bis 30. 11.) nicht an die industrialisierten Massenmorde der Nationalsozialisten zu denken. Im Institut hat Robert Kusmirowski eine Wandkarte mit der schematischen Darstellung eines Konzentrationslagers aufgehängt hat. Zu sehen sind außerdem mechanische Nähmaschinen, ein Hakenkreuz aus weißer Spitze, eine Häftlingskarte aus Auschwitz-Birkenau. Doch ob die unbeschrifteten Gegenstände, arrangiert wie in einem Heimatmuseum, tatsächlich Zeugnisse der NS-Verbrechen sind, bleibt höchst fraglich. So weist die Wandkarte nur auf einer Seite Stockflecken auf. Und Kusmirowski, 1974 in Lodz geboren, ist bekannt als ein Künstler der Täuschung, ein Kulissenbauer. Im Hamburger Bahnhof steht gegenwärtig ein nachgebauter Waggon aus dem Jahre 1943 von ihm. Seine echt anmutenden Repliken lassen den Betrachter Bilder und Fakten assoziieren. Eine zweischneidige Angelegenheit: Der Besucher erkennt an sich selbst, dass keine Originale nötig sind, um Wissen zu aktivieren, dass auch Attrappen den Blick beeinflussen und Emotionen abrufen. Was bleibt, ist ein schales Gefühl, eine Furcht vor der nächsten Begegnung mit originären Relikten, die dann vielleicht wirken wie Attrappen. Claudia Wahjudi

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