Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Christoph Funke

THEATER

Reden lassen: „Mein Taubentraum“ im Theater 89

Karl ist mal ein Kerl gewesen. Einer mit Macht und agitatorischem Furor, ein Besser- und Alleswisser. Jetzt, da es seinen Staat nicht mehr gibt, schweigt er. Seit zehn Jahren schon. Nur Lene redet noch, seine Frau. Ralf-Günter Krolkiewicz entwirft in „Mein Taubentraum“ das Charakterbild eines Menschen, der von eingebildeten Höhen abgestürzt ist, ins Gewöhnliche, Kleinliche, Feige. Oder war er schon immer so? Lene spürt in einem Monolog diesem Menschen nach, mit dem sie seit 50 Jahren zusammenlebt.

„Drama für die Stimme meiner Mutter“ nennt der 2008 verstorbene Schauspieler, Regisseur und Autor Krolkiewicz seinen Text im Untertitel und verweist damit auf die autobiografischen Bezüge einer Lebensbilanz. Das ungeduldige Forschen und Drängen der Lene ist im Alltäglichen verwurzelt wie in einem träumerischen Bereich. Und Karl, der aus jeder Bedeutung gefallene SED-Funktionär, gesteht nach dem Tod Lenes, endlich: „Schuld wird nur leicht, wenn wir sie leben.“ Im theater 89 hat Hans-Joachim Frank den poetisch durchglühten Text hochkonzentriert auf die Bühne gebracht und ihn zugleich ins irritierend Geheimnisvolle gesteigert.

Die Bühne von Klaus Noack gleicht einer rotausgeschlagenen, sich nach hinten verjüngenden, ins Dunkle mündenden Camera obscura. Neben der Lene der Christine Gloger agieren in diesem flüchtigen Raum Bernhard Geffke (Karl) und Johannes Achtelik (Arzt) als reale und nur vorgestellte Figuren. In den Stücktext sind Fragmente aus dem Bericht „Hafthaus“ von Krolkiewicz eingefügt. Christine Glogers Vortrag, äußerlich ruhig, offenbart die Leiden einer zurückgesetzten Frau in bedrängender Weise, jedes Wort lebt, in jedem Satz stecken Entbehrung – und Größe. Jörg Huke begleitet den großen Versuch des Fragens mit der Posaune, nachdenklich.Christoph Funke

KLASSIK

Beethoven bauen: David Fray in der Philharmonie

Mit seinen kaum 28 Jahren ist David Fray der Shooting Star der Klassikszene: Seine Bach-Aufnahmen verkaufen sich wie geschnitten Brot, sein neues Schubert-Album bekommt Jubelkritiken und die CD-Industrie verleiht dem Franzosen am Sonntag schon seinen zweiten Echo-Klassik-Preis. Schön, dass es nach Tastendrückern wie Martin Stadtfeld und Nikolai Tokarew diesmal einen echten Musiker erwischt hat.

Bei Frays Auftritt in der Philharmonie wird schnell klar, dass er etwas zu sagen hat. Dabei ist Fray kein technischer Überflieger und wohl auch noch kein „fertiger“ Pianist: Gestalterische Leerstellen vor allem im Finale, weisen seine Interpretation von Beethovens c-moll-Klavierkonzert eher als „Work in progress“ aus. Doch das stört kaum, vielleicht weil Fray auch gar nicht so tut, als würde er schon Weisheiten präsentieren können. Nervös sitzt er am Flügel, legt die Stirn in Falten, fährt sich durchs halblange Haar, ganz so als ob die Musik in ihm gären würde und er noch gar nicht wüsste, wie er die nächste Phrase spielen soll. Tatsächlich besitzt sein Spiel eine Spontaneität, die an sein Vorbild, den legendären Wilhelm Kempff, erinnert.

Hier baut sich einer seinen Beethoven, versucht, jede Phrase einzeln zu erfühlen und dann zum ganzen Werk zusammenzusetzen. Und Fray ist dabei ganz ehrlich. Nie erliegt er der Versuchung, den Klang seines Instruments durch Einsatz des Pedals aufzublasen, selbst das Fortissimo erzielt er allein durch seinen Anschlag. Schließlich ist Fray auch dort souverän, wenn Beethoven nur wenige Noten schreibt – am Ende des langsamen Satzes etwa, das er mit völlig unaffektierter Poesie erfüllt. Schade, dass der oft geradezu flehend ins Orchester schauende Fray der Einzige bleibt, der an diesem Abend die Musik zum Leben erwecken will. Ingo Metzmacher und das DSO liefern an diesem Abend nicht mehr als teigig-stumpfe Orchester-Routine. Ohne Farben, ohne Geheimnis, ohne Grund schnurrt Bartóks „Konzert für Orchester“ ab. Kaum gehört, schon vergessen. Nur Fray, der bleibt. Jörg Königsdorf

KUNST

Klettern gehen: Dänische Architektur in der Nordischen Botschaft

Der Schatten von Kyoto ist lang, doch der Schatten Kopenhagens ist länger: Anfang Dezember soll in der dänischen Hauptstadt eine umfassende Nachfolgevereinbarung zum Kyoto-Protokoll verabschiedet werden. Daher nutzen die Skandinavier die Zeit im Vorfeld, um sich nachhaltig aufzustellen – auch mit ihrer Architektur. Eine kleine Ausstellung im Felleshus der Nordischen Botschaft stellt Ideen von 29 dänischen Büros für eine nachhaltige Architektur und Gesellschaft vor (Rauchstraße 1, Mo - Fr 10 - 19 Uhr, Sa - So 11- 16 Uhr, bis 25. Oktober). Neben Modellen und kurzen Filmen bieten fünf dicke Bücher thematisch gebündelte Einblicke auf ihre Bauten und Projekte.

Es ist ein weit gefasster Begriff von Nachhaltigkeit, von dem das Dänische Architektur Center ausgeht, das die Wanderausstellung organisiert hat. Umfasst er doch neben ökologischen vor allem soziale Aspekte. Konkreter ist der Ansatz von Kim Herforth Nielsen vom führenden dänischen Architekturbüro 3XN. In seiner Einführung stellte er die Vision einer sich selbst reinigenden und dabei CO2 bindenden Glasfassade für ein Berliner Hochhaus vor.

Das „Lernen von Vorbildern aus der Natur“ kennzeichnet auch die knallgrüne Skulptur von 3XN für das Louisiana Museum für Moderne Kunst: Ihr neuer Werkstoff besteht aus nachwachsenden Rohstoffen und zeigt biomorphe Formen – und eignet sich ganz nebenbei prima als Klettergerüst. Jürgen Tietz

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