Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jenny Becker

KUNST

Ausgetobt: „Decor-um“

im Kunstgewerbemuseum

Was sonst in Schränken und Küchenregalen steht, hat sich nun das Museum erobert. Brandneue Vasen und Gläser sind in ausgeleuchteten Vitrinen arrangiert. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die berechtigte Ausnahme. Die Gefäße der Ausstellung „Decor-um“ im Kunstgewerbemuseum hat in dieser Form gewiss keiner zu Hause (Kulturforum, bis 22. 11., Di - Fr 10 - 18 Uhr, Sa-So 11 - 18 Uhr). Junge Designer haben traditionelle Glasdekortechniken neu interpretiert und Bekanntes zeitgenössisch gestaltet. Die 600 Prototypen sprühen vor Witz. In die Vasen von Hyun Ju Do sind scheinbar fröhliche Bildwelten graviert: ein Rummel mit Riesenrad, ein Märchenschloss. Doch von Lieblichkeit ist hier keine Spur. Aus der Achterbahn stürzen Menschen, der Schlossturm zerspringt, im Familienhäuschen ersticht ein Mann seine Frau.

Auch Benedict Wanner bricht satirisch mit den Konventionen. Am Fuß seiner Vase hat er „R. I. P.“ eingraviert. Den Blumenstrauß darin wird man mit anderen Augen sehen. Von kreativem Design zeugt auch die Ausstellungsgestaltung. Hölzerne Boxen dienen als Vitrinen, die in verschiedenen Farben gestrichen sind. Grün steht für den Nachwuchs, blau für die arrivierten Designer, in deren Workshops die Jungen sich austobten. Decorum ist Latein und bedeutet „angemessen“ oder „schicklich“. Wie angemessen die Kreationen das traditionelle Handwerk ausloten, kann man in der Schau selbst beurteilen. Jenny Becker

KLASSIK

Aufgetaut: Schuberts „Winterreise“

in der Brotfabrik Weißensee

“Winterreisen“ gibt es viele, und auch die Idee, Schuberts epischen Liederzyklus szenisch aufzuführen, ist nicht neu. An der Brotfabrik Weißensee gelingt es jetzt einer kleinen, leisen Produktion des Regisseurs Holger Müller-Brandes und der Sängerin Irene Schneider, trotzdem aufzufallen (wieder vom 16. bis 18. und vom 22. bis 25. Oktober, 20.30 Uhr). Ihrer Meinung nach schrieb Schubert seine Musik nicht ausschließlich in den reinen Sphären der Kunst. Er war auch ein politischer, nämlich von der Atmosphäre der Restauration beeinflusster Komponist. Also beziehen sie Ausgestoßensein und Fremdheit des namenlosen Ich der „Winterreise“ auf eine eindeutige politische Situation, nämlich den Mauerfall. Kunst kann in der Konkretion schnell peinlich werden, aber hier funktioniert es.

Denn der Abend lässt der Musik Raum zum Atmen und drängt ihr keine Bedeutungen auf. Dafür kann sich der betörende, in den tiefen Lagen metallisch schimmernde Mezzo von Irene Schneider entfalten. Ihre Stimme besitzt eine Erdverbundenheit, die selbst in den Momenten flüchtigen Glücks tiefe Melancholie transportiert, was durch das langsame Tempo, mit dem Anita Keller am Klavier begleitet, noch verstärkt wird. Während des Singens bedient Irene Schneider einen rührenden kleinen Diaprojektor (Bühne: Lars Reimers). Die Technik ist so veraltet, dass ihr selbst schon eine gewisse Melancholie innewohnt. Auf den Bildern, die die Sängerin selbst 1989 von ihrer Wohnung in Ostberlin aufgenommen hat, sind stille Momente der Wende zu sehen: Der Fernsehturm im Nebel, Menschen von hinten, eine Demonstration – und plötzlich bekommt die gefrorene Rinde des Baches aus Schuberts Lied eine ganz neue Dimension. Schwillt es nicht in den Herzen dieser Demonstranten genauso wie unter dem Eis?

Allmählich wandern die Motive nach Westberlin. So wird diese Winterreise eine Reise in eine neue Welt, in die viele Ostdeutsche damals gänzlich fremd eingezogen sind. Udo Badelt

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