Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Frederik Hanssen

KLASSIK

Damenwahl: Janine Jansen

bei den Berliner Philharmonikern

Hat man in der 127-jährigen Geschichte der Berliner Philharmoniker wohl jemals so viele Musikerinnen in der Streichergruppe des Orchesters gesehen? Zudem sitzt Madeleine Carruzzo, die 1982 als erste Frau den Männerbund aufbrach, – das kann kein Zufall sein! – ausnahmsweise vorn neben Konzertmeister Guy Braunstein. Und auch der Star des Abends ist weiblich. Janine Jansen spielt ihr Lieblingswerk, Benjamin Brittens Violinkonzert. Das heißt: Sie stürzt sich in das 1939 entstandene Werk, mit dem ganzen Körper. Schon nach dem ersten Solo muss die Holländerin gerissene Haare von ihrem Bogen entfernen. Aufreibende Gefühle. Und sie hält den passionierten Ton konsequent durch bis zum Schluss, molto espressivo, formt die steil auf und ab schießende Steigungskurve der drei Sätze aus einem einzigen, heißen Atem.

Wie blass wirkt Daniel Harding neben dieser mitreißenden, hinreißenden Live- Künstlerin! Als Dirigier-Wonderboy ist der 1975 Geborene einst unter den Fittichen von Simon Rattle und Claudio Abbado gestartet, längst aber haben ihn die neuen Jungstars wie Gustavo Dudamel oder Andris Nelsons überholt. Seine Choreografie ist unbestreitbar elegant, aus lockeren Schultern sausen die Arme von oben herab. Eine zwingende innere Spannung stellt sich bei Béla Bartóks Streicher-Divertimento dennoch nur punktuell ein. In Richard Strauss’ „Tod und Verklärung“ beglücken die beseelten Soli der Instrumentisten, während Hardings Interpretation auch hier ernüchternd beliebig bleibt. Frederik Hanssen

ROCK

Ladylike: Eileen Rose

im Quasimodo

Schon ist man mittendrin in einer kleinen Geburtstagsfeier, die die amerikanische Band Eileen Rose & The Holy Wreck für einen Berliner Freund gibt. Mit Torte, Kerzen und einem nashvillisierten „Happy Birthday“. Nagelnder Countryrock. Doch festnageln lassen auf das Genre will sich die Singer-Songwriterin Eileen Rose, die seit kurzem in Nashville lebt, nicht. In ihrer Musik finden sich Einflüsse, die so unterschiedlich sind, wie die Typen ihrer Band aussehen. Rich Gilbert ist ein messerscharfer Gitarrenschwinger im grauen Anzug, der scharfe Riffs in die Peavey-Telecaster pfeffert, brillante Licks, modale Skalen. Drummer Nate Stalfa mit blondierter Punkfrisur treibt die Freunde voran mit knalligem Rockabilly-Beat. Josh Hedley (Vollbart, Flanellhemd, Hank-Williams-Tätowierung) ist der Country-Junge mit Fiddle und Akustikgitarre. Mittendrin schraddelt Eileen in die kleine Martin-Akustikgitarre und schneidet mit der Stimme eines späten Rrriot-Girls durch ihre Country- Rock-Punk-Rockabilly-Songs. Mit acht Geschwistern ist sie in Boston aufgewachsen – sicher ein gutes Training, sich durchzusetzen mit entsprechendem Organ. Das Quasimodo rockt.

Doch Eileen kann auch leise. Am schönsten sind die Country-Duette mit Josh als Gesangspartner und Rich an der weinenden Pedal Steel. Waylon Jennings’ „Luckenbach Texas“, „Everybody’s Talking“ von Harry Nilsson. Oder wenn Josh die Hauptstimme übernimmt in einer countrifizierten und verlangsamten Version von „Dead Flowers“ der Rolling Stones. Dazwischen wird gescherzt, munter mit den Fans geplaudert. Und dann nochmal mächtig aufgedreht. H.P. Daniels

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