Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Geisterfinale: Daniel Barenboim

mit Chopin in der Staatsoper

Unvorstellbar, dass ein anderer Chefdirigent eines großen Symphonieorchesters sich hinsetzte und einen reinen Klavierabend gäbe, vielmehr einen Klaviermorgen, eine Matinee, die das Exponierende der Situation zweifelsohne besonders betont. Thielemann mit Debussy? Rattle mit Rachmaninow? Dafür muss man schon Daniel Barenboim heißen und sein internationales Debüt als Pianist mit zehn absolviert haben.

Die Staatsoper ist ausverkauft, selbst die Bühne bestuhlt: Barenboim gibt ein knappes halbes Jahr vor Frédéric Chopins 200. Geburtstag ein Konzert, das mit dessen Fantasie f-Moll op. 49 beginnt und mit einer Handvoll bereitwillig hergeschenkter Zugaben endet, hier noch eine Mazurka, da eine weitere Etüde. Wer einen didaktischen Morgen erwartet hatte, eine bloße Schau übers Repertoire von ganz oben, wer andererseits glaubte, Barenboim würde schlicht nicht die Zeit gehabt haben, sich in die raffinierte Kunst Chopins zu vertiefen und die vielen Arpeggien und Miniatur-Arabesken, die Leggierissimo-Partien und unendlichen Variationensreihen eher mit Grandezza denn mit Genauigkeit und Seele spielen, wird positiv überrascht.

Vielleicht verhält es sich mit Barenboim wie mit Sprachgenies: Irgendwann ist es nicht mehr aufsehenerregend, noch eine 16. oder 17. Sprache zu erlernen. Barenboim kann also auch Chopin, und zwar nicht schlechter als andere auch, die dies hauptberuflich und mit großer Konzentration tun. Mit Löwenpranke schlägt er zwar mitunter zu, schon in der etwas hölzern klingenden – dafür rhythmisch spannungsstarken – Fantasie. Auch die „Heroische“ Polonaise, schwer treffendes (und zu treffendes) Geschütz, gerät zur Kraftaktion. Der „Raffael des Fortepiano“, den Heine in Chopin erblickte, wird in diesen Momenten kaum präsent. Umso beeindruckender die Tiefe und Zartheit, mit der sich Barenboim dem wässrigen Nocturne Des-Dur op. 27,2 zuwendet oder der Berceuse op. 57, deren wiegenliedhaft Verträumtes er mit großzügigen Rubati vermählt, unbeirrt die eigentlich simultanen Töne von linker und rechter Hand um Sekundenbruchteile versetzt anschlagend. Höhepunkte gleichwohl sind die gar nicht glatten, gar nicht schmiegsamen drei Walzer, vor allem aber die Sonate b-moll mit dem berühmten Trauermarsch (den Barenboim anfangs mit Eile spielt, ihn geradezu anschiebend, nach dem Mittelteil drängend, innerlich tobend) und mit ihrem geisterhaft huschenden Finale, dessen unendlich lange „sotto voce e legato“-Achtelketten er nur eben im Pianissimo touchiert. Christiane Tewinkel

ROCK

Freundschaftsspiel: Wolfmother

im Columbiaclub

Auf dem Columbiadamm ist die Hölle los: Während in der ausverkauften Columbiahalle Paul Kalkbrenner das Publikum mit Techno-Beats weichklopft, begeistern im rappelvollen Columbiaclub die australischen Wolfmother mit einem harten Gitarrensound, der direkt zu den ersten Knurrlauten des Heavy Rock zurückführt. Nach dem Bandsplit im letzten Jahr hat sich Gitarrist und Sänger Andrew Stockdale neue Mitstreiter gesucht und das ursprüngliche Trio zum Quartett erweitert, das ohne Qualitätsverlust am alten Konzept festhält und die Rock-Rituale der Gegenwart als tobenden Raubzug durch die Plattenregale der privaten Pop-Obsessionen zelebriert. Es gibt Momente, an denen man fast genötigt wird, an Led Zeppelin, Black Sabbath oder Deep Purple zu denken. Ein euphorisches Frühsiebziger-Idyll. In der Mitte federn speckige Blues-Riffs, an den Rändern tropfen die Rückstände unzähliger Proberaumsessions, zerfranstes Gniedelfett und Querverweise zur Geschichte des Psychedelic Rock.

Höhepunkte sind „Dimension“, „Woman“, die neue Single „New Moon Rising“ und nach einer gewagten Version von Kate Bush''s „Wuthering Heights“ das heftig geforderte „Joker & The Thief“ als letzte Zugabe. Feiste Hardrock-Coolness mit pumpendem Bass, zischenden Drums, kosmischer Schmierorgel und gequälten Staubfresser-Gitarren, die mit prägnanten Riffs die Stellung halten, während Wuschelkopf Stockdale mit seinem markanten Stimmorgan ins Kreischen gerät und die Musik so durchschlägt, das es klingt, als würde eine imaginäre Sense alles irdisch Bescheuerten in die Kniekehlen der Musiker fahren.

So sind Wolfmother: eine Band, die sich zwischen ihren Vorbildern und anderen Erbschaftsverwaltern wie den White Stripes groß aufbläst und in diesem Zwischenraum aufs Energischste aufräumt. Einen Weg bahnen, die anderen wegschubsen, sie wissen schon, wie es gemeint ist. In größter Freundschaft. Volker Lüke

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