Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Maxi Sickert

JAZZ

Nummernrevue: Rudresh Mahanthappadie im A-Trane

Es ist das Jahr des Rudresh Mahanthappa. Der 1971 in Colorado geborene Altsaxofonist wurde mit Kritikerpreisen überhäuft, im „New Yorker“ portraitiert, der „Rolling Stone“ bespricht seine Platten. Erstmals ist er nun mit seiner Band nach Berlin gekommen. Mit atemlosen Soli und einem klaren weichen Ton spielt er im gut gefüllten Jazzclub A-Trane die neuen Kompositionen seines Projekts „Codebook“, das beim New Yorker Indie-Label Pi-Recordings erschienen ist. Die Idee von „Codebook“ ist, auf der Grundlage von Zahlentheorien zu komponieren, wie etwa der Fibonacci-Zahlen. Dabei werden die Namen der Bandmitglieder und berühmte Jazzmelodien codiert und zum Klingen gebracht.

Was als Konzeptidee begann, hat sich mittlerweile freigespielt, was sicher auch an der neuen, elektrischen Bandbesetzung liegt. Neben Mahanthappa, der zu einer neuen Generation indisch-amerikanischer Jazzmusiker gehört, die sich mit den Wurzeln der verschiedenen kulturellen Stränge indischer Musik auseinandersetzen, ist es vor allem der kanadische E-Bassist Rich Brown, der mit einem langen sanften Solo das A-Trane mit Soul füllt und der auf seiner Myspace-Seite zuerst „God, Mum and Jaco Pastorius“ dankt.

Ausladende, Jam-Band-ähnliche E-Gitarrenläufe von David Gilmore und kunstvoll geschichtete Schlagzeugeinlagen von Damion Reid durchziehen immer wieder die sich weiträumig entwickelnden, bis zu zwanzigminütigen Kompositionen Mahanthappas. Ein Titel ist das Geräusch eines entspannten, wohligen Ausatmens. Zurück bleibt die Schönheit des Unbewussten, die Decodierung der Unruhe. Maxi Sickert

KUNST

Lichterkette: Michael Sailstorfers Lampen-Installation in Mitte

Herbst. Verlassen liegen die Biergärten, eingemottet lehnen die Schrannen an der Mauer, erloschen hängen die Lichterketten in den Seilen. Der Bildhauer Michael Sailstorfer hingegen spannt jetzt erst auf. Doch für seine Birnen scheint der Herbst ewig: Grau und schweigend hängen sie am Rosa-Luxemburg-Platz an Stahlseilen zwischen Bäumen. Dafür, dass Sailstorfer beim alten Unruhestifter Olaf Metzel studiert hat, ist seine öffentliche Skulptur „No Light“ ganz schön zurückhaltend. Hat er selbst nicht schon Häuser und Bäume in die Luft gesprengt, Flugzeugteile in Geäst gestopft?

Wer nicht von den Postern in der Nachbarschaft angelockt wurde, übersieht die Lichterketten auf der dreieckigen Grünfläche, wo die Almstadt- auf die Rosa-Luxemburg-Straße trifft, garantiert. Nur entfernt sind sie verwandt mit Edisons Drahtbirne, der derzeit der Strom abgedreht wird. Sie sind aus getönter Gusskeramik, die sich im Regen schwarz färbt. Der Künstler kann sich dieses Understatement leisten.

Gerade 30, hat er seine Werke bereits in den Sammlungen von Centre Pompidou, Lenbachhaus und Städelmuseum untergebracht. Diese Arbeit reiht sich konsequent in seine „No Light“-Serie ein, die dieses Jahr bei Emmanuel Perrotin in Paris zu sehen war. Doch was verspricht sich der Verein zur Förderung von Kunst und Kultur am Rosa-Luxemburg-Platz, der hier von Simon Dybbroe Møller Projektionen auf Passanten werfen ließ und für den Lucas Lenglet einen Vogelkäfig aufstellte? Das ist Kunst im öffentlichen Raum ohne Öffentlichkeit. Diese Party ist nicht vorüber. Sie hat nie stattgefunden. (Bis 26. September 2010.) Kolja Reichert

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