Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

KLASSIK

Wehmut und Aufbegehren: Maxim Rysanov in der Philharmonie

Hoffnungszeichen will Spectrum Concerts Berlin in der Krise setzen, für sich selbst und das Publikum. Ermutigend schon, wie Maxim Rysanov trotz einer schweren Grippe sein Duo-Programm im Kammermusiksaal bewältigt. Neben dem Bratscher, der sich im Laufe des Abends zu eindringlicher Leuchtkraft steigert, ist auch sein Klavierpartner Jacob Katsnelson ein Hoffnungsträger: Mit sensibler Unterstützung setzt der 33-jährige Russe eigenständige Akzente. Höhepunkt der Verschmelzung die „Fantasiestücke” von Robert Schumann, die Rysanov ahnungsvoll raunend anheben lässt und zur Euphorie steigert. Der Sehnsuchtston ist getroffen, wenn Katsnelson den schwärmerisch rauschenden Arpeggien klangvolle Bässe und sprechende Rubati hinzufügt. Auch eine Bach-Sonate in g-Moll (ursprünglich für Gambe) erklingt, drängend leidenschaftlich und dennoch transparent im Allegro-Fugato. So entrückt versunken, wie Rysanov das Adagio gestaltet, entfaltet auch die Schlussszene aus Prokofjews „Romeo und Julia“ magische Wirkung. Und doch ist das alles nur ein Vorgeschmack auf Dmitri Schostakowitschs ungeheuerliche Bratschensonate – ein Abschiednehmen, voll von Wehmut, Zartheit, Wärme, Aufbegehren, letzten Atemzügen, das die beiden Musiker mit berührenden Nuancen erfüllen. Dass die „Jazz-Suite” der jungen Bulgarin Dobrinka Tabakova zuvor in folkloristischen Effekten befangen blieb, ist da schon vergessen – die aufregendsten Kammermusikprogramme macht eben immer noch Spectrum, selbst für die vernachlässigte Bratsche. Isabel Herzfeld

AUSSTELLUNG

Die Ordnung der Wolken: Karl Duschek im Van-der-Rohe-Haus

Sein Markenzeichen ist die Unauffälligkeit. Der Stuttgarter Grafiker Karl Duschek hat das Firmenlogo der Deutschen Bank entworfen sowie den Briefkopf des Landes Berlin. Symbole, die untrennbar mit der Institution verbunden scheinen. Nun zeigt das Mies-van-der-Rohe-Haus in Lichtenberg im Rahmen der diesjährigen Reihe „Inspiration Bauhaus“ angewandte und freie Kunst von Karl Duschek (bis 6.12., Oberseestr. 60, Di - So 11-17 h). Geradlinige Grafik trifft auf übersichtliche Architektur, offene Farbsysteme auf durchlässige Räume. Doch die beiden Meister der Sparsamkeit machen sich keine Konkurrenz. Im Gegenteil. Im Mies-van-der-Rohe - Haus bringt Karl Duschek eine Winzigkeit mehr Ordnung in die aufgeräumte Architektur. Im Wohnzimmer, das sich ganz dem Garten öffnet, hat er farbige Quader senkrecht an den hinteren Teil der Wand gehängt. Minimal verschieben die Körper in Gelb, Rot, Blau das Licht zugunsten des Innenraumes. In einer Ecke ziehen Details aus dem Barcelona-Pavillon den Blick auf sich. Von dort wandert das Auge sofort zum gegenüberliegenden Fenster, bewundert die schmalen Metallrahmen und die Harmonie der Glasfront. Im Flur antworten Wolkenbilder von Karl Duschek, mit farbigen Rechtecken zur Ordnung gebracht, auf die Anarchie draußen am Himmel. Dabei bricht der Grafiker aus dem System der Grundfarben von de Stijl und Bauhaus aus, verwendet Pink, Violett oder Weinrot, wenn nur das Gleichgewicht stimmt. In seiner Konzentration auf das Wesentliche klärt dieses Zusammenspiel der Künste den Kopf. Simone Reber

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