Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sybill Mahlke

KLASSIK

Vereint wünschen:

Zwei Quartette im Kammermusiksaal

Leicht und brillant fliegen zwischen vier Geigen, zwei Bratschen und zwei Celli die Motive hin und her, ineinander verzahnt, bis sie sich in den Schlusstakten des Scherzos in getupften Sechzehnteln vereinen. Das Vogler Quartett und das Philharmonia Quartett feiern mit ihrer Interpretation des Oktetts Opus 20 gemeinsam den 200. Geburtstag Felix Mendelssohn Bartholdys. Zugleich eröffnen sie im Kammermusiksaal einen sechsteiligen Konzertzyklus, in dem das Konzerthaus und die Berliner Philharmoniker in Erinnerung an das Ereignis des Mauerfalls vor 20 Jahren miteinander korrespondieren. Eine Berolinensie der besonderen Art. Das Wunschbild, das die beiden Musentempel in vormals Ost- und West-Berlin verbindet, heißt „Vereinte Klassik“ (nächster Abend der Reihe am 4. November im Konzerthaus).

Die seltene Besetzung des Oktetts für acht solistisch konzertierende Streicher, Experimentierfeld und frühes Meisterwerk des 16-jährigen Komponisten, dient dem Gedanken des Miteinander in idealer Weise. Die Musiker beider Quartette wissen, was es heißt, aufeinander zu hören. Beide konzertieren seit bald 25 Jahren, jeweils gebunden an ihre Häuser, gefragt in der weiten Musikwelt.

Das Philharmonia Quartett betrauert den Tod seines Cellisten Jan Diesselhorst, für den in Dietmar Schwalke ein neuer „Freund und Kollege“ gefunden ist. Sie spielen Beethovens Opus 18, Nr. 6, und es scheint, als müssten sie ein erworbenes Maß der Gewöhnung mit neuen Abenteuern durchstoßen – mit der Neugier, die zu ihrer Karriere gehört.

Den Voglers ist die Uraufführung anvertraut, Streichquartett Nr. 5 von Erhard Grosskopf, Auftragswerk des Konzerthauses. Trocken wie Schläge von Hämmerchen brechen Pizzikati in die meditativen Klänge ein, Musik der Konzentration, aus der heraufschimmert, was sich auch vierteltönig reibt und was harmoniert. Ein Satz, 25 Minuten. Mit kratzenden Akzenten brechen die langen Töne auf, um ihre Gespinste zu bilden. Generalpause, melodische Repetitionen des Cellos, diminuendo. Erfolgreich im Abseits, entfaltet der Komponist ein Stück Nachsommer neuer Musik. Und verlangt Geduld. Sybill Mahlke

KLASSIK

Gemeinsam feiern:

„Classic Young Stars“

Wenn irgendwo aus internationalem Anlass ein Konzert gegeben wird, werden oft die immergleichen Reden von der Musik als „Brücke“ geschwungen. Auch beim 20. Jubiläum der Städtepartnerschaft Berlin-Istanbul ist es nicht anders. Der Glaube, dass es sich dabei um mehr als um Phrasen handeln könnte, kehrt mit Konzerten wie jenem von Serra Tavsanli zurück, das die Reihe „Classic Young Stars“ (noch bis 28. Oktober) im Kleinen Saal des Konzerthauses eröffnet hat. Die 31-Jährige Pianistin verkörpert einen deutsch-türkischen Lebensweg. Geboren in Istanbul, bekam sie ihre musikalische Ausbildung in Hannover und Detmold. Man meint, das mediterrane Temperament noch zu hören. Fest und entschlossen ist ihr Anschlag, die Akkorde von Bachs Chaconne d-Moll in der Fassung von Busoni sind wie Setzungen, die keinen Widerspruch zulassen. Schumanns Sonate fis-Moll op. 11 wird so erfrischend pragmatisch alle romantische Metaphysik ausgetrieben – ein Stil, der auch zur Uraufführung von „Du wirfst einen Stein“ von Ahmet Altinel passt. Der Komponist wurde ebenfalls in Istanbul geboren und hat in Detmold studiert. In seinem Stück, mit dem er der Einzigartigkeit allen menschlichen Tuns Ausdruck verleihen will, wachsen sich dissonante Akkorde zu Figuren aus, werden abgelöst von weicheren Klängen, tauchen als Echo wieder auf. Tavsanli gibt den Tönen Atem und Zeit – und auf einmal ist ganz vergessen, dass hier auch ein Jubiläum gefeiert wird. Udo Badelt

TANZ

Zusammen rumstehen: 

„Walking my Dragon“ im HAU

Was ist bloß in die Tänzer von Two Fish gefahren? In „Walking my Dragon“ (bis Sonnabend, 19.30 Uhr, im HAU3) treten Two Fish gemeinsam mit der Rockband Dish auf – und das wohl nicht nur, weil die Namen sich so schön reimen. Doch wer sich einen energetischen Austausch von Tänzern und Musikern erhofft hatte, sah sich mit wachsender Fassunglosigkeit mit einer Choreografie konfrontiert, die nicht nur lahm, sondern lähmend wirkte. Die Musiker um den englischen Sänger Espin Bowder liefern zwar eine solide Show ab, sie spielen geradlinigen Rock mit witzig-intelligenten Texten und hüpfen schön elastisch vorm Mikro. Betritt aber ein Tänzer in schlechtsitzenden Klamotten die Bühne, steht er einfach nur rum, minutenlang, mit hängenden Schultern und leerem Blick. Keine Wachheit, keine Geistesgegenwart, keine innere Bewegung: Da tut sich offenbar ein gähnendes Energie- und Kommunikationsloch auf. Einmal nickt der charmante Espin Bowder einer Tänzerin aufmunternd zu, und schon schüttelt sie alles, was sie hat. Doch nach diesem Ausbruch erstarren die Tänzer wieder zur Salzsäule, um alsbald zusammenzusacken. Was, wenn erst die gut gelaunten Musiker die Bühne verlassen und die tranigen perfomance animals allein sind mit sich und ihrer Depression?

Auch Martin Clausen rettet den Abend nicht. Der Schauspieler mit der Liebe zum Tanz, der sich auf famos-untänzerische Weise zu bewegen und Wörter wie einen widerspenstigen Leib zu verdrehen weiß, findet den Twist ins Absurde, die semantische Biege nicht. Von der Zwergenperspektive auf die Welt fantasiert er – und bietet doch nur eine Schrumpfversion seines versponnenen Witzes. Wenn Andreas Müller und Martin Clausen sich dann in den Arm nehmen, wird das Ganze endgültig zum privaten Selbsterfahrungstrip. Vom „Scheiß-Dazugehören-Wollen“ faseln Two Fish in ihrer Ankündigung. Sie machen zwar nicht mit, schwimmen aber auch nicht gegen den Strom, sondern zeigen null Haltung. „Walking my Dragon“ ist ein konzeptueller Krampf. Die Totalverweigerung auf der Bühne beantworteten so manche nach der Pause angemessen: durch Flucht. Sandra Luzina

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