Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sandra Luzina

TANZ

Nach Pina Bausch: Lutz Förster

tanzt ein Solo im HAU

Als Pina Bausch für Strawinskys „Frühlingsopfer“ nach Tänzern suchte, sah sie sich die Studenten der Folkwang-Schule in Essen an. Den Tänzer „mit der großen Nase und der schönen zweiten Position“ wolle sie haben, teilte sie dem Direktor mit. Lutz Förster erzählt diese Anekdote während seines einstündigen Soloabends im Hebbel Theater (Stresemannstr. 29, wieder Sa u. So, 19.30 Uhr). Einfach „Lutz Förster“ nennt der französische Choreograf Jérôme Bel seine Hommage an den 56-jährigen Ausnahmetänzer, als letzter Teil einer Trilogie, die sich mit dem Wissen von Tänzern befasst. Bel versteht sich hier als Ethnograf, der eine fremde Kultur studiert. Man spürt seine Zurückhaltung, seinen Respekt.

Förster, einer der prägenden Protagonisten des Wuppertaler Tanztheaters, unterrichtet heute selbst an der FolkwangSchule. In seinem Solo blickt er zurück auf ein erfülltes Künstlerleben – er bedauert nichts, so hat es den Anschein. Und doch schwingt Wehmut mit, die sich die Waage mit einem feinen Witz hält. Im Juni ist Pina Bausch gestorben, Lutz Förster gibt Einblick in ihre Arbeitsweise wie in die von Robert Wilson – und macht auf uneitle Weise deutlich, wie viel dabei von der Persönlichkeit der Tänzer einfließt. „Mein lieber Stuhl“, beginnt er seine Lobrede auf ein Objekt – eine leichte Aufgabe. Schon schwieriger: Kochen und dabei Ballettschritte machen. Der so elegant aussehende Förster kann herrlich albern sein. Er zeigt seine berühmtesten Nummern, den Huttanz oder den stupenden Tanz der Hände zu Sophie Tuckers Song „The man I love“. Große Gefühle in minimalen Gesten, darauf versteht er sich. Über sein Leben als Schwuler erfährt man wenig, nur knapp berichtet er vom frühen Tod eines Freundes. Am Ende glaubt man, den Künstler besser zu kennen – ohne ihm zu nahe getreten zu sein.Sandra Luzina

KLASSIK

Nach Ungarn: Iván Fischer gastiert

bei den Berliner Philharmonikern

Heißes Blut, vertrackte Rhythmen: Das Ungarische haben Iván Fischer und die Philharmoniker sich vorgenommen – und beginnen mit Haydn. In dessen G-Dur-Sinfonie Nr. 88 zirkelt der ungarische Dirigent die Geometrie des Volksidioms ab, ungerührt, kantig, mit konstanter Dynamik. Ein Csárdás auf hartem Tanzboden, Folklore aus dem Fertigbaukasten, die Abstraktion alles Magyarischen aus großstädtischer Perspektive: eine erhellende Lesart zum Auftakt dieses monothematischen Abends in der Philharmonie.

Mit Bartóks „7 Stücken für Chor und Kammerorchester“ folgt die Konkretion, die Suche nach dem plastischen, unverfälschten Original. Dem hellwachen, vibratolosen, den Herzschmerz dennoch auskostenden Frauengesang des Netherlands Youth Choir wünschte man zum Glockenklang etwas mehr Übermut für Bartóks erotische Koketterien. Mit Liszts für Orchester und Cimbalom (furios: Oszkar Ökrös) bearbeiteter „Rhapsodie Nr. 1“, zwei von Fischer orchestrierten BrahmsTänzen und Zoltán Kodálys „Tänzen aus Galánta“ wird das Ungarische schließlich ins nationale wie volkstümliche Extrem getrieben, mit Ausflügen ins Orientalische. Pathos, Eskapaden, Ekstase: Darauf einen Tokajer! Christiane Peitz

KLASSIK

Nach Verdi: Der Fall Rigoletto

in der Neuköllner Oper

Was passiert, wenn man sich bei Aktualisierungen von Opernklassikern einmal nicht bloß auf Äußerlichkeiten wie Kostüme und Bühnenbild stürzt, sondern den Figuren eine konkrete neue Identität mit Namen und Adresse gibt? Bernhard Glocksin hat es an der Neuköllner Oper mit dem Vatikan-Krimi „Der Fall Rigoletto“ ausprobiert (wieder am heutigen Samstag und morgen, 29. - 31. 10., 5., 6. 11.). Als Sabrina Minardi, Geliebte des Mafiabosses Enrico de Pedis, im letzten Jahr ihre Version des Falles der 1983 entführten Tochter des Vatikan-Angestellten Ercole Orlandi präsentierte und dabei sowohl de Pedis als auch Erzbischof Paul Casimir Marcinkus als Drahtzieher der Entführung benannte, da sah Glocksin eine deutliche Parallele zum Plot von Giuseppe Verdis „Rigoletto“. Dort fällt ebenfalls die Tochter eines Hofangestellten den Begehrlichkeiten der Mächtigen zum Opfer.

Für traditionelle italienische Blasmusikbesetzung arrangiert und durch kommentierende Chansons von Etta Scollo ergänzt, lässt Glocksins Inszenierung erahnen, welche polemische Kraft Verdis Opern einmal entfalteten. So an einem italienischen Opernhaus aufgeführt, könnte es dem Nationalheiligen Verdi gelingen, den Heiligen Stuhl zu etwas mehr Aufklärungsfreudigkeit zu bewegen. In Berlin interessiert eher das dramaturgische Experiment: zu kompliziert sind die Begleitumstände des Falls, die mühsam von einem Erzähler ausgebreitet werden. Den engagierten Sängern und Musikern gelingt es trotz stellenweise schlimmer Intonation, ihren Verdi mit dem Temperament eines guten Straßentheaters über die Rampe zu bringen. Dennoch erinnert Scollo durch den intensiven Vortrag ihrer italienischen Chansons daran, dass Glaubwürdigkeit auch jenseits des Texts durch eine größtmögliche Einheit von Stimme und Körper erzeugt werden kann. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben