Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Jörg W,er

POP

Retrodisco für alle:

Mando Diao in der Arena

Man fragt sich, was ausgerechnet Mando Diao zu einer so erfolgreichen Band gerade in Deutschland macht. Bei jedem ihrer Auftritte füllt sie Riesenhallen wie die Arena in Treptow. In England dagegen haben sie bislang wenig gerissen, da herrschte auch Funkstille als Mando Diaos neues Album „Give me Fire“ hierzulande an die Spitze der Verkaufshitparade schoss. Musikalisch sind die fünf Schweden lupenreine, wenig originelle Sixties-Adepten, die bezeichnenderweise mit einem Gitarrenkracher namens „Down in the Past“ ihren Durchbruch schafften. Da ist es nur konsequent, dass sie in ihren schmissigen, stets um ohrwurmtaugliche Refrains zirkulierenden Songs in unverblümter Naivität Helden wie den Kinks, den Small Faces und sogar den allergrößten, den Beatles, Tribut zollen.

Doch abgesehen von einigen das Retrorock-Korsett sprengenden Momenten der Glamrock- und Disco-Travestie kommt bei Mando Diao noch mehr dazu: Die schnuckeligen Frontmänner Björn Dixgård und Gustav Norén teilen sich Gesang und Gitarrenarbeit und buhlen um die Gunst eines jungen, in der Mehrzahl weiblichen Publikums. Dixgård punktet mit präzisen Soli und einem schwarzroten Cape, das ihn wie einen Nachfahren Graf Draculas wirken lässt, während Norén die ausdrucksstärkere, weil mit einem Springsteen-artigen Raspeln spielende Stimme besitzt. Dass beide auch in intimerem Rahmen harmonieren, beweisen sie mit vier Stücken, die sie auf einer Bühne mitten im Publikum unplugged spielen. Doch meist steht die um einen Perkussionisten und zwei dralle Backgroundsängerinnen ergänzte Band unter Hochdruck, angetrieben vom unermüdlich prügelnden Drummer Samuel Giers.

Die energetische Entladung von Hits wie „Gloria“, „Long before Rock’n’Roll“ und dem resolut stampfenden „Dance with somebody“ löst bei vielen unkontrollierten Bewegungsdrang aus. Da prallt schon mal die Tollpatschigkeit eines rempelnden Tänzers auf den Beschützerinstinkt eines kräftigen Mannes mit zierlicher Freundin, was eine kurze, heftige Prügelei zur Folge hat. Doch die Streithähne sind schnell getrennt und die Feier geht weiter, bis sich Mando Diao nach rund 100 Minuten mit dem gut gelaunten Rausschmeißer „Go out tonight“ und massivem Beschuss aus der Konfettikanone verabschieden.Jörg Wunder

POP

Zukunftsgrusel für wenige:

Sunn O))) im Berghain

Schon an sich ein surreales Erlebnis, wenn man sich in der Nacht dem Berghain nähert, das im Dunkel aussieht wie das Schreckenslabor von Dr. Frankenstein. Da kommt Gänsehaut auf. Und der Grusel steigt, wenn in der ausverkauften Düsterkathedrale seltsame Gestalten in Mönchskutten vor einer monströsen Verstärkerwand unendlich langsam mit zombieartigen Schaukelbewegungen ihre Gitarren anschlagen und brutal laut ein abgrundtiefes Wummern erzeugen.

Sunn O))) nennt sich das Doom-Metal-Projekt von Bassist Greg Anderson und Gitarrist Stephen O''Malley, die seit elf Jahren apokalyptischen Höllenlärm im Zeitlupentempo produzieren und das zähe Black-Sabbath-Riff nach dem Vorbild von Minimal-Pionier La Monte Young zur endlosen Dröhnmusik strecken. Für die Livepräsentation ihres neuen Albums „Monoliths & Dimensions“ haben sie sich neben Steve Moore an Orgel und Posaune auch den ungarischen Extremgrunzer Attila Csihar als Verstärkung mitgebracht, der mit Bela-Lugosi-Akzent und Lepra-Glibber-Maske vor der Schweinegrippe warnt und infernalische Schreie ausstößt. Dann wechselt er vom finsteren Mittelalter ins schrille Science-Fiction-Lager und trägt als schräges Alien-Wesen mit Freddie-Krüger-Laserhandschuhen Gesänge aus unbekannten Händel-Oratorien vor.

Alle starren gebannt zur Bühne, während die Musik so durchschlägt, als wäre es das letzte Donnergrollen vor dem jüngsten Gericht. Ein Reißen, als könnte man Berge zersägen. Die Luft zittert. Der Atem stockt. Und nichts kann erhebender sein. Volker Lüke

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