Kultur : KURZ  &  KRITISCH 

Carsten Niemann

KLASSIK

Kalte Lave: Charles Dutoit und das Royal Philharmonic Orchestra

Mit fest geschnürtem Kummerbund, scharf geschnittenem Profil und seinen Aufmerksamkeit fordernden Augenbrauen, um die allein ihn mancher Dirigentenkollege beneiden dürfte, tritt Charles Dutoit vor das Royal Philharmonic Orchestra. Das Publikum im Konzerthaus wird Zeit bekommen, den charismatischen Grandseigneur zu betrachten, denn nicht nur das Programm ist ausgedehnt – auch die Tempi sind es. Wobei Dutoit Tschaikowskys Ouvertüre „Romeo und Julia“ noch füllt: Nachdem er die einleitende Trauungsszene mit der routinierten Feierlichkeit eines Monsignore geleitet hat, begeistert er mit energetischen Orchesterschlägen. Auch wenn Capuleti und Montecchi in Panzerhemden lieben und kämpfen, so tun sie es vor dem Hintergrund eines warmen, homogenen Streichersounds, der mit dem profilierten Holzbläserklang zu den Stärken des Orchesters gehört.

Spätestens bei Beethovens 5. Klavierkonzert zeigt sich aber, dass der Abend an einer schleichenden Bleivergiftung krankt. Woran der technisch untadelige Solist Nicholas Angelich mit seinem schweren Anschlag, seinen wuchtigen Trillern und seiner auf Weiß, Schwarz und wenig Grau beschränkten Klangfarbenpalette nichts ändern kann. Auch in Dvoráks „Sinfonie aus der Neuen Welt“ will der melodische Lavastrom, den Dutoit auszustoßen vermag, immer wieder erkalten – auch wenn der Gewinn des Tempos ist, dass das Orchester zu größter Achtsamkeit für harmonische Abläufe wie kontrapunktische Details angehalten wird. Will der seit diesem Jahr amtierende Chef sein Orchester erst mal gründlich kennenlernen? Die Zeit nimmt er sich. 

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