Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

H. P. Daniels

ROCK

Drei Akkorde: Status Quo und Kansas in der Max-Schmeling-Halle

Die amerikanische Band Kansas, die in den Siebzigern einigen Ruhm einheimste, ist in der Max-Schmeling-Halle nur noch Vorgruppe. Gute Musiker mit mäßiger Musik. Ihre pompöse Bombastelei aus Art Rock, Hard Rock, Pseudo-Klassik-Kitsch und dem Hit „Dust In The Wind“ wirkt doch sehr angestaubt.

Ganz anders die Engländer Status Quo. Drei Akkorde in zwölf Takten, seit vierzig Jahren. „Take my hand, together we can rock’n’roll!“ Und wie sie rocken! Lässig, mühelos. Zwölf Takte, Shuffle-Rhythmus, verschiedene Tempi. Vorwiegend in Wahnsinnsgeschwindigkeit semmeln die beiden Altvorderen Rick Parfitt und Francis Rossi in ihre Telecaster-Gitarren. Tanzen über die Bühne in einem lustigen Ballet. Mit einem jüngeren Bassisten oder zu viert, wenn der Organist sich zwischendrin mit einer weiteren Telecaster in die Gitarrenwand einfügt.

Schwarze Hosenbeine wippen, weiße Turnschuhe tippen, hintereinander flippen sie über die Bühne. Und bringen alles auf den Punkt. Vor- und Rückzieher, Auf- und Abschlag, alles Boogie. Wie ein rockender John Cleese zuckt der lange Rossi zu schaukelnden Soli, die er und Parfitt sich hin- und herwerfen. Ihr Humor hat viel von der britischen Komikertruppe Monty Python. „In Search Of The 4th Chord“ hieß das letzte Album. Rossi und Parfitt singen rasante Duette, wie eine Punk-Version der Everly Brothers. Doch dann – welche Überraschung – spielen sie „Pictures Of Matchstick Men“, den Hit von 1967, als sie noch eine psychedelische Beat-Band waren, und „Ice In The Sun“ von 1968. Dann krachen sie wieder los: „Rockin’ All Over The World.“ Parfitt und Rossi sind über 60, in Würde gealtert und richtig cool. H. P. Daniels

POP

Siebenundzwanzig Männer:

„Das Orchester“ im Admiralspalast

Als der Vorhang hochgeht, fragt man sich: Was ist das? Da stehen 27 fesche junge Männer in Holzfällerhemden mit gesenkten Köpfen auf der Bühne, die Streicher links, die Bläser rechts, in der Mitte ein neunköpfiger Chor, und davor der verschattete Rücken eines Dirigenten. Der springt plötzlich auf und macht drollige Tanzbewegungen. Es ist Clemens Maria Haas, der 1983 mit seiner Band Steinwolke den einsamen Hit „Katherine, Katherine, komm’ mit zu mir“ landete.

Jetzt hat er im Admiralspalast für einen einzigen Abend eine Gruppe von Sängern und Musikern unter dem anspruchsvollen Titel „Das Orchester“ um sich geschart, die sich sehr bemühen, lässig zu wirken und neue, von Haas geschriebene Musical- und Clubsongs symphonisch und (warum eigentlich?) elektronisch verstärkt zu interpretieren.

Die Überwältigungsästhetik, der naive Optimismus, die stampfig-burschikosen Rhythmen, die glückselig-kitschigen Dur-Klänge, betont durch kräftige Paukenschläge – sie verblüffen umso mehr, als die Themen erstaunlich banal sind. Es geht um das Schloss Babelsberg („Ein Traum im Wald“) oder um einen Maschinenmenschen (welcher Maschinenmensch?), der sein Herz offenlegen soll. Im Laufe des Abends werden die Lieder sich immer ähnlicher in ihrem heroisch-pathetischen Gestus, der auftritt, als würden hier letzte Dinge verhandelt (Regie: Claudia Mielke).

Und trotzdem gibt es immer wieder Überraschungen: Ein berührendes Oboensolo, ein vielversprechender Geiger, ein Solist mit Charakterbariton. In dem Ensemble steckt Potential. Und „Katherine“, das stimmt schon, fetzt immer noch. Udo Badelt

KLASSIK

Dreiundachtzig Jahre: Gedenkkonzert für Menuhin in der Philharmonie

Musik heilt, tröstet und bringt Menschen zusammen. Yehudi Menuhin glaubte fest daran und konnte es in seinen Auftritten vermitteln. Warum nur war ausgerechnet im Gedenkkonzert zum 10. Todestag des großen Geigers und Humanisten so wenig davon zu spüren? Der Kammermusiksaal der Philharmonie ist der richtige Ort – schließlich ist Berlin die Stadt, in der das Wunderkind seine Karriere begann, in der der jüdische Künstler nach 1945 die Hand zur Versöhnung reichte, in der er zum Mauerfall die Freiheit feierte, in der er mit 83 Jahren auch starb.

Das Ensemble Oriol, verstärkt durch Stipendiaten des von Menuhin gegründeten Vereins „Live Music Now“ legt sich temperamentvoll ins Zeug. Die Solisten Elena Bashkirova und Guy Braunstein sind gestandene Musiker. Doch als Dirigent sorgt der Philharmoniker-Konzertmeister schon in Bachs Violinkonzert a-Moll mehr für Unsicherheiten als für Gestaltung. Klanglich kann er sich nicht zwischen vibratoarmer „historischer“ Lesart und modernem fülligem Sound entscheiden; auch als Solist schwankt er zwischen Durchmarsch und Gefühligkeit. Blass bleibt auch Mendelssohns frühes Konzert für Violine und Klavier – Bashkirova versieht ihren hoch virtuosen Part mit Geschäftigkeit, nicht aber mit dem Charme, der dem Geniestreich des 12-jährigen Komponisten wohlan stünde.

Sanft klagen zuvor Puccinis „Crisantemi“, denen die Überführung von der Streichquartett-Originalgestalt ins Kammerorchester nicht bekommt; mehr Interesse lässt da Anton Weberns frühes Streichquartett (1905) in einer transparente Soli mit polyphoner Kompaktheit mischenden Fassung von Christoph Poppen aufkommen. Isabel Herzfeld

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