Kultur :  KURZ  &  KRITISCH 

Sybill Mahlke

KLASSIK

Taktstock-Fitness:

Andrew Manze mit dem DSO

Wer Benjamin Britten kennt, weiß auch wie Purcell, der Orpheus Britannicus, gesungen hat. Denn die Wahlverwandtschaft der beiden Komponisten geht tiefer, als es die Übernahme von Themen des Barockmeisters durch den Komponisten des 20. Jahrhunderts erklärt. Purcell und Britten sind (neben Händel) die bekanntesten britischen Komponisten und beide sind fantasievoll konservativ.

Ihr Landsmann Andrew Manze, ein zugleich eiliger und total entspannter Dirigent, springt in das Konzert, um es mit historischer Aufführungspraxis aufzumischen. Händels „Wassermusik“, auf der Themse uraufgeführt, wird in der Philharmonie mit Andacht angehört. Die Interpretation ist verlockend, weil Manze in musikalischen Bögen denkt und die Besetzung differenziert. Dem Deutschen Symphonie-Orchester gilt er seit zehn Jahren als Freund, und die Musiker demonstrieren, dass es ihnen mit der Zuneigung ernst ist. Brittens „Sinfonia da Requiem“ wird durch eine Suite von Purcell abgelöst. Das heißt: eine Summierung musikalischer Einflüsse durch Klänge Purcells, der auch englischer Mozart oder Bach genannt wurde. In beiden Fällen trifft sich Melos mit selbstverständlichem Kontrapunkt. Trotz aller Vortragsfeinheit gerät das einseitige Programm in Gefahr, gleichmachend zu werden, wie vom laufenden Meter. Aneignung wird wieder lebendig in Brittens Orchesterführer. Manze dirigiert animierend mit einer Ganzkörpersprache, die ihm das Fitnessstudio ersparen dürfte. Sybill Mahlke

WELTMUSIK

Breakdance-Hipness:

Baaba Maal im Postbahnhof

Bei Baaba Maal kann man nie sicher sein, was kommt. Keyboarddurchtränkter Afropop? Traditionelle akustische Musik für europäische Ohren? Oder ein neon-kühles Weltmusik-Produkt wie das Album „Television“, das der Sänger soeben veröffentlicht hat?

Der Auftritt im Postbahnhof gehört zum Wunderbarsten, was der Begriff Weltmusik hergibt. Souverän schlägt der neben Youssou N’Dour bekannteste Musiker aus dem Senegal das Publikum in seinen Bann. Begleitet von einer neunköpfigen Band mit Schlagzeug, Bass, Gitarren, Keyboard und Perkussionisten, die sich gegenseitig zur Höchstleistung anspornen. Nach einigen feinen Balladen folgen schnelle Tanznummern, hypnotische Grooves zwischen Afrobeat und kubanisch gefärbten Rhythmen. Im Wechselgesang mit seinem blinden Freund Mansour Seck bringt Baaba Maal seine glockenhelle Stimme zum Jubilieren. Dabei singt der 56-Jährige in Wolof, Fulani, Französisch sowie Englisch und begeistert mit Tanzeinlagen wie dem ventilateur, der urafrikanischen Form des Breakdance. Zum Finale: eine wilde Jam-Session. „Fantastisch, wie diese Musik Seelen zum Schwingen bringt“, schwärmte einst Blur-Kopf Damon Albarn nach einer gemeinsamen Show in Paris. Besser kann man es nicht sagen. Volker Lüke

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